Aachen: Theater K rekonstruiert Aachener Dada-Abend aus den 30er Jahren

Aachen: Theater K rekonstruiert Aachener Dada-Abend aus den 30er Jahren

Wie roboterartige Fantasiegestalten schreiten sie kreuz und quer durch den Raum: Eine Frau mit Lampenschirm auf dem Kopf, eine andere mit Vogelnest behütet, eine weitere in ein Kleid aus Zeitungen gehüllt.

Um sie herum ein Dutzend andere schrille Figuren — mit ebenso unkonventionellen Kopfbedeckungen, provokantem Blick und bizarren Bewegungen. So unterschiedlich sie auch sind, haben sie doch alle eines gemeinsam: Sie huldigen Dada — jeder auf seine ganz eigene Weise.

Dreitägiges Festival

Die Aachener Theater-K-Inszenierung „Willkommen im Großen Onrach“ am Sonntagabend war der Höhepunkt des dreitägigen Dadaismus-Festivals „SCHNPP“, das die Gesellschaft für zeitgenössische Musik Aachen mit der Vorsitzenden Gwendolen Webster im Ludwig-Forum organisiert hatte.

Regisseurin Mona Creutzer (auch selbst in Aktion) verwandelt die zentrale Ausstellungshalle des Lufo ins damals am Aachener Büchel gelegene Hotel „Großer Monarch“, wo das Dada-Geschehen in den 20er Jahren von Zürich aus in die Provinz hinüberschwappte und für Furore sorgte. Schauspieler des Theaters K (Mona Creutzer, Annette Schmidt und Jochen Deuticke) treffen hier auf Musiker der Region. Mit ihren Darbietungen, die sich collagenartig zusammenfügen, widersetzen sie sich dem geltenden Wertesystem und der konventionellen Kunst, parodieren sie, ziehen sie ins Lächerliche.

Typisch für Dada, treffen verschiedene künstlerische Formen aufeinander: Tanz, Literatur, Musik, Bühnenbild und Videoinstallation. Einen besonderen Stellenwert in dieser Anti-Kunst-Bewegung haben Lautgedichte, bei der die Sprache ihres Sinnes entleert wird. Zwei Darstellerinnen tragen halb singend, halb sprechend phonetische Laute vor. Dabei übertrumpfen sie sich mit der Betonung ihres Wortsalats, als würden sie tatsächlich miteinander diskutieren.

Ebenso wild geht es auf musikalischer Ebene zu: Klavier, Violine, Flöte, Saxophon und Klarinette klingen mal harmonisch und gleiten mal in Kakophonien ab. So zum Beispiel, als ein Flötentrio mit Badekappen, in einen roten Einteiler gehüllt, in den Raum hinein- trippelt und schließlich unkontrolliert in die Instrumente hineinprustet und in den Raum brüllt.

Wie ein roter Faden zieht sich indes die Hommage an Anna Blume durch den Abend. Das damals als unanständig geltende Gedicht des Dada-Dichters Kurt Schwitters wird nicht nur rezitiert, sondern sogar getanzt. Für damalige Verhältnisse ein waschechter Skandal!

Auch ein fiktiver Zeitzeuge hat sich unter die bunte Meute gemischt, der dem Publikum auf Öcher Platt vom echten Dada-Happening in Aachen berichtet, das viele Wissbegierige — sogar den früheren Polizeipräsidenten — in seinen Bann zog. Die Zuschauer können das Erlebnis an diesem Abend nachempfinden. Teils amüsiert, teils irritiert beobachten sie das verrückte Geschehen, das schließlich mit zerhackten Pappkartons, fliegenden Textfetzen und lauten Sprechchören seinen Höhepunkt findet.

Während ein kleiner Teil des Publikums noch nach Bedeutung sucht, sind die meisten längst Dada-Fans, haben sich einen Pappteller-Hut mit Buchstabensalat auf den Kopf gesetzt oder im Foyer eine der schottischen Küchenwerkzeuge, sogenannte Spurtles, erworben, die an Schwitters Dada-Plastiken erinnern. „Legen Sie Ihr Geld in Dada an!“ Diesem Aufruf sind die Zuschauer gefolgt. So gibt es am Ende großen Applaus.

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