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Aachen: Theater Aachen startet mit vier Premieren in die Saison

Aachen : Theater Aachen startet mit vier Premieren in die Saison

Eine Blutspur führt ins Foyer? Na ja, sieht fast so aus. Rot lackiert glänzt das Ersatz-Portal des Aachener Theaters zum Saisonauftakt, denn die Säulen-Front hinter dem riesigen Gerüst wird noch bis Mitte Oktober saniert.

Und der rote Teppich wird auch noch ausgerollt. Rot wie Blut, rot wie die Liebe - ein roter Faden leitet in die neue Spielzeit. Aber die vier Eröffnungspremieren „Carmen”, „Macbeth”, „Die Präsidentinnen” und „Tschick” haben noch viel mehr zu bieten: Schweiß und „menschliche Jauche” etwa. Und Frauenpower, Männerkämpfe, Jungssehnsüchte. Viel Stoff für Theaterträume also. Ein Ausblick.

„Carmen”:Die wohl meistgespielte Oper der Welt drängt auf der großen Bühne zwar zwischen blutroten Säulen ihrem tödlichen Ende entgegen. Aber nein, Carmen wird nicht im roten Rüschenkleid über die Bühne wirbeln. „Das wird keine Folklore-Carmen!”, sagt Sanja Radisic, die Sängerin der Titelpartie, scharf. Dabei hat neben den Schlager-Melodien doch fast jeder diese Bilder im Kopf oder sogar im Schlafzimmer hängen. Eine barbusige Zigeunerin mit Blume im Haar oder so.

Von diesen Klischees sollten wir uns verabschieden. Carmen klappert in Aachen nicht mit Kastagnetten und tanzt auch nicht Flamenco. Als Arbeiterin der Zigarettenfabrik kommt sie zunächst schlicht im grauen Kittel daher. Aber die Männer verführt sie natürlich dennoch. „Sie macht das, was ihr Herz sagt, ohne auf gesellschaftliche Konventionen zu achten”, findet die Mezzosopranistin. „Eine freie Frau”, selbstbestimmt, unverblümt.

Ganz so fremd sei ihr das nicht, meint die 32-Jährige lächelnd. Privat stöckelt sie auf hohen Hacken durchs Leben, und dass ihr Gesicht zurzeit überlebensgroß am Theater prangt, findet sie auch „ganz gut”. Die „Traumpartie” sieht die Serbin vor allem als schauspielerische Herausforderung. Gespielt wird die Dialogfassung mit französischen Gesangs- und deutschen Sprechtexten, „ganz realistisch, ohne Poserei”, sagt Radisic. Regisseur Michael Helle wird wohl wie zuletzt beim „Figaro” auf jede kleine Geste achten.

Und musikalisch? Ein „zupackendes Dirigat” bescheinigt Dramaturg Michael Dühn dem neuen Generalmusikdirektor Kazem Abdullah. „Da gehts ganz intensiv und hart zur Sache!”

„Macbeth”: Literweise könnte der Chefregisseur Blut auf die Bühne kippen und ausgefeilte Kampfchoreographien zelebrieren lassen. Triefend und actionreich wäre Shakespeares Schlachtplatte „Macbeth” trefflich angerichtet. Der schottische Feldherr geht auf dem Weg zur Königskrone schließlich über etliche Leichen.

Kunstblutorgie und Stunt-Show interessieren Ludger Engels aber nicht. „Wie stellt man Gewalt auf der Bühne dar?”, fragt er sich lieber. Ohne röchelnd und zuckend „sterbende” Schauspieler. Ohne dass kinosatte oder fernsehkriegserprobte Zuschauer hämisch lachen oder müde mit den Schultern zucken. Sondern mit viel Fantasie! Engels will das Kopfkino der Zuschauer anwerfen.

Für ihn ist „Macbeth” ein Cinemascope-Stück voller Klänge und Atmosphäre. Daher hat er mit Theatermusiker Malcolm Kemp ein Soundkonzept entwickelt, das aus dem Schauspiel „fast so was wie ein Hörspiel” macht. Hinten auf der Bühne stehen vier schalldicht verglaste Tonkabinen. Darin sitzen die Schauspieler - als Geräuschemacher. Bevor Macbeth (Thomas Hamm) zu Beginn auf die leere graue Spielfläche davor tritt, werfen sie sich hinten an den Mikrofonen ins Schlachtengetümmel für die Ohren: Fingerspitzentanz auf Kartons (Pferdegetrappel), Messerwetzen, Schmerzensschreie. Später, beim Morden, bohren sie Messer in Melonen und zerbrechen Styroporstangen. Die haben sich beim Proben berechenbarer als Gurken herausgestellt. „Man lernt ziemlich viel über den Reifegrad von Früchten”, sagt Engels und lacht. Und neben Melonensaft spritzen dann doch noch effektvoll ein paar Milliliter Kunstblut - hinter Plexiglas.

„Die Präsidentinnen”: Da dürfen die drei Damen aber mal so richtig lustvoll über Scheiße reden! Ja, sorry, das fiese „Sch-Wort” muss hier sein. Auf der Kammerbühne wird es ja auch nicht weggepiepst, wenn die Schauspielerinnen Elisabeth Ebeling, Bettina Scheuritzel und Nadine Kiesewalter als Küchen-„Präsidentinnen” tief ins Klo greifen.

Der Grazer Dramatiker Werner Schwab, früh verstorbener Shooting-Star der 90er Jahre, mochte es eben derb, deftig, drastisch. „Man muss die Wörter sprechen, wie sie herauswollen.” Und aus seinen drei kaffeeklatschenden Putzfrauen Grete, Erna und Mariedl will viel von ganz unten heraus. Regisseur Roland Hüve will aber keinen Schokopudding-Schocker matschen, sondern die „sprachartistische Partitur” zum Klingen bringen: „Wir vermeiden fast jede Art von Illustration”, sagt er. Nadine Kiesewalter wird als Klofrau Mariedl also nicht realistisch in die „menschliche Jauche” packen. Der „Lebensschmutz” bleibt an der Wortoberfläche.

Schwabs Kunstdialekt zu lernen sei zwar eine Schufterei, meint Bettina Scheuritzel, aber auch ein Genuss. Das „Schwabisch” erinnere sie bisweilen sogar an Kleist. „Schräg, poetisch, von unglaublicher Musikalität”, sekundiert Elisabeth Ebeling. Völlig falsch sei es, das Stück auf seinen Fäkaljargon zu reduzieren. Was ist schon ein verstopfter Abort gegen jeden menschlichen Abgrund, der sich da nach und nach auftut? Missbrauch, Einsamkeit, Lebenslügen, (falsche) Frömmigkeit. Und diese Hassliebe, die die Drei am Rande der Gesellschaft, bis zum - ja, auch hier - blutigen Ende vereint.

Regionales Roadmovie-Drama

Ziemlich grauslich, aber die Proben haben ihnen anscheinend viel Freude bereitet. Die drei Schauspielerinnen, die drei Lebensalter von 65 bis 25 auf die Bühne bringen, berichten von der anregenden Zusammenarbeit. Und der Regisseur bezeichnet sich sowieso lächelnd als „Harmonie-Kasper”.

Könnten nur die Aachener Zuschauer noch ein Protest-Wörtchen mitreden. Was halten sie vom „Virtuosen des Widerwärtigen”? Schwabs „Pornogeographie” wurde hier 1995 gespielt. Große Protest-Kundgebungen sind aber nicht überliefert. Und Hüve betont: „Ich will nicht provozieren.” „Die Präsidentinnen” sind für ihn nicht „Fäkaliendrama”, sondern Komödie!

„Tschick”: Diese beiden Jungs treffen mitten ins Herz - ganz ohne Blut zu vergießen: Maik Klingenberg und Andrej Tschichatschow, genannt Tschick, zwei 14-jährige Außenseiter, klauen in den Sommerferien ein Auto und brettern los. Die beiden Abenteurer sind die Helden des Bestseller-Romans „Tschick” von Wolfgang Herrndorf - und sie erobern auch immer mehr Bühnen in Deutschland. Kein Stück wird in dieser Saison öfter gespielt.

Was fasziniert so an den beiden Pubertierenden? Es ist die klassische Heldengeschichte, eine Reise mit vielen Hindernissen, Liebe, Freundschaft, Freiheitsdrang - dazu ein jugendliches Lebensgefühl, das auch (oder vor allem?) Menschen Ü30 an die eigenen wilden Tage zurückdenken lässt. „Ich kann mich total mit den Jungs identifizieren”, meint Lilli-Hannah Hoepner. Und die junge Regisseurin ist schließlich auch schon 32! Sie will sich daher nicht anbiedernd an 14-Jährige ranschmeißen, sondern einen Theaterabend für alle Altersklassen machen. Große Gefühle inklusive. Kitschfallen werden wohl schon dank der Sprache umkurvt: flapsig, ironisch, zum Lachen komisch.

Mit dem Auto-Setting ihrer Inszenierung bedient die gebürtige Berlinerin dann aber doch augenzwinkernd „Jungsromantik”: Der geklaute Lada der Vorlage ist im Mörgens ein zersägter R4 - mobil auf Rollen und mit Aachener Kennzeichen. Denn die Schüler kurven hier nicht durch die brandenburgische Provinz, sondern rund um Aachen herum. Hoepner machte mit ihrem Team ein paar Sommerausflüge in die Umgebung, drehte etwa am Tagebau Inden und am Blausteinsee. „Und die Filme spielen mit.” Aus dem Roman wird sozusagen ein regionales Roadmovie-Drama. Auch das endet blutig. Aber auf der Bühne werden sicherlich eher Schweißtropfen fließen.

Und ja, endlich! Nach Morden und Gemetzel der ersten drei Premieren haben wir bei „Tschick” - tatsächlich ein Happy End!

Mit einem großen Theaterfest geht es am kommenden Samstag los

Mit einem großen Fest startet das Aachener Theater in die Saison: am Samstag, 15. September, ab 14 Uhr.

Bizets Oper „Carmen” ist die erste Premiere auf der großen Bühne: am Sonntag, 16. September, 18 Uhr. Vorstellungen bis 30. März 2013.

Weiter gehts im großen Haus mit Shakespeares Schauspiel „Macbeth”: am Sonntag, 23. September, 18 Uhr. Vorstellungen bis 2. Februar 2013.

„Die Präsidentinnen” eröffnen die Saison in der Kammer: am Freitag, 21. September, 20 Uhr. Weitere Vorstellungen bis zum 22. Januar.

„Tschick” macht den Auftakt in der jungen Spielstätte Mörgens: am Samstag, 29. September, 20 Uhr. Vorstellungen bis 2. November.