Aachen: Theater Aachen: Intendant und Schauspieldirektor werfen das Handtuch

Aachen: Theater Aachen: Intendant und Schauspieldirektor werfen das Handtuch

Dramatische Entwicklung am Theater Aachen: Generalintendant und Schauspieldirektor werfen das Handtuch.

Paul Esterhazy und Michael Helle kündigten am Montag während einer Betriebsversammlung völlig überraschend an, dass sie ihre bis 2005 laufenden Verträge nicht verlängern werden. Definitiv!

Grund: die am Aschermittwoch von Vertretern aller vier Ratsfraktionen bekannt gemachten Sparvorschläge in Millionenhöhe. Esterhazy sieht seitdem in Aachen keine Basis mehr „für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit”.

Vier Tage lang hatten Esterhazy und Helle eisern zu dem geschwiegen, was jene interfraktionelle politische Arbeitsgruppe am Aschermittwoch als „36-Punkte-Papier” veröffentlich hatte: einen herben Sparkatalog, der unter anderem auch das Theater trifft.

Allein GMD Marcus R. Bosch reagierte am Wochenende mit einer spektakulären Protestaktion, als er im Domkonzert ausgerechnet Mozarts „Requiem” unterbrach, um auf die Misere hinzuweisen. Er wolle nicht der „Leichenbestatter des Aachener Musiklebens” sein...

Die geplanten Einschnitte des Konzepts sehen vor: 3,75 Millionen Euro Zuschusskürzung einschließlich Rücklagenreduzierung für die laufende Spielzeit, eine Million ab 2004, 1,2 Millionen Euro ab 2005, weitere Kürzungen nach Ablauf des Sieben-Jahres-Plans. Für den Intendanten „Zahlen, die in ihrer Dramatik vor drei, vier Wochen noch undenkbar waren”.

Die Zeit der Diplomatie ist hörbar abgelaufen, als Esterhazy, flankiert von Bosch und Helle, seinen über 300 Mitarbeitern im Spiegelfoyer des Theaters den Ernst der Lage und seine Sicht der Dinge erklärt - um Selbstbeherrschung bemüht, aber deutlich verbittert.

Blanke „Verlogenheit” wirft er den Politikern vor, die permanent verbale Garantien für den Erhalt des Zweisparten-Hauses abgegeben, dies aber mit monatlich wechselnden Sparbeschlüssen konterkariert hätten. All das zu einem Zeitpunkt, „wo uns das Publikum ein volles Haus beschert.”

Und er verweist auf jenen bereitwillig zugestandenen eigenen Sparbeitrag, der nach monatelangem gemeinsamem Ringen in der Strukturkommission zwischen Vertretern aus Politik, Verwaltung und Theater schließlich ausgehandelt worden war: Zuschusskürzung pro Spielzeit 500.000 Euro, Reduktion der Rücklagen um 2,15 Millionen Euro.

Dass sich die Finanzpolitiker aller Fraktionen jetzt darüber hinweg gesetzt und dies auch noch als „Koalition der Vernunft” bezeichnet hätten, habe den letzten Rest seines Vertrauens schwinden lassen.

Wie Esterhazy erklärt auch Michael Helle - bleich, wie versteinert -, dass auch er ab dem 30. Juli 2005 „nicht mehr zur Verfügung” stehe.

Ignoranz wirft er den Politikern vor, Ignoranz gegenüber der Strukturkommission, dem Intendanten, dem Publikum und jenen 14 000 Menschen, die sich innerhalb von zwei Wochen an der Unterschriftenaktion beteiligt hatten.

Wie gern der Schauspieldirektor Aachen den Rücken kehrt, wird an seinem bitteren Gesichtsausdruck deutlich, als er offenbart, wie die Stadt mit dem Votum der Bürger umgegangen ist: „Das Paket mit den Unterschriften ist dem Theater ungeöffnet zurückgeschickt worden.”

Schließlich ergreift Marcus R. Bosch das Wort. Nach einem halben Jahr in Aachen fühlt er sich noch stark genug, „um zu kämpfen”. Die Sparvorschläge allerdings hält er für bloße „Augenwischerei”.

Sparen, das sei in der laufenden und der nächsten Saison gar nicht mehr möglich, die Verträge seien alle schon geschlossen. Helles Schlussfolgerung: „Wir müssen Schulden machen.” Das Publikum werde von den Veränderungen bis zum Ende der Saison 2004/2005 zunächst nichts mitbekommen.

Eines versprach Esterhazy mit Blick auf das NRW-Theatertreffen im Sommer der Belegschaft noch versprechen: dass er den Intendanten-Kollegen am Aachener Beispiel demonstrieren wolle, was sie alle möglicherweise noch am eigenen Leib erfahren würden...

Ein alter „Kulturkämpe” im Aachener Stadtrat wohnte der Betriebsversammlung bei, ihm standen fast die Tränen in den Augen: Richard Wagemann (SPD).

„Es ist eine Katastrophe, wie mit dem Theater umgegangen wird. Ich erinnere mich an April 1947, da spielte man hier Don Carlos, als ringsum noch alles in Trümmern lag. Und da herrschte wirklich materielle Not...”

Aachens Kulturdezernentin Isabel Pfeiffer-Poensgen war bis zum Abend nicht zu erreichen.

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