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Stolberg: The Notwist: Knistern trifft auf wunderschöne Melodien

Stolberg : The Notwist: Knistern trifft auf wunderschöne Melodien

Wenn The Notwist nächste Woche Freitag, am 19. Juni, die Bühne im Zinkhütter Hof in Stolberg betreten, dann hat das Publikum schon eine ganze Weile Zeit gehabt, sich an die neuen Stücke zu gewöhnen. Das letzte reguläre Studioalbum „Close To The Glas“ ist dann schon fast anderthalb Jahre alt.

Am Jahresanfang wurde zudem „The Messier Objects“ veröffentlicht, eine Sammlung von Instrumentalstücken, die ursprünglich für Theaterstücke oder Hörspiele komponiert worden sind. Aber von diesem Album wird ohnehin nicht viel zu hören sein. „Zu kompliziert, zu aufwendig“, sagt Sänger Markus Acher im Gespräch mit unserer Zeitung. Stolberg, das werde wohl eher „ein normales Konzert“ — mit Songs.

Sie hat es mit The No-twist erneut geschafft, eine ganz besondere Band für ein Konzert in der Region zu gewinnen: Nina Mika-Helfmeier, Kulturbeauftragte der Städteregion Aachen. Foto: Andreas Gabbert

Es wird, soviel Euphorie muss sein, ein ganz besonderes Ereignis werden! Denn Nina Mika-Helfmeier, der Kulturbeauftragten der Städteregion Aachen, ist es gelungen, nach Tocotronic (2012) und den Einstürzenden Neubauten (2014) auch die „deutsche Lieblingskonsensband“, so bezeichnet sie das Musikmagazin „Spex“, für das Kulturfestival der Städteregion zu gewinnen.

Das Konzert im Zinkhütter Hof wird obendrein eine der insgesamt seltenen Gelegenheiten im Westen der Republik sein, The Notwist live zu erleben: Zuletzt sind sie im März 2014 im Kölner E-Werk aufgetreten, davor im Oktober 2012 beim New Fall Festival in Düsseldorf. Im August steht noch ein Festivalauftritt im Rahmen der Ruhrtriennale in Bochum an. Und davor nun also Stolberg.

Seit 25 Jahren besteht die Band aus Weilheim vor den Toren von München inzwischen, „Close To The Glas“ ist aber erst die siebte reguläre Platte. Das Trio mit den Brüdern Markus (47) und Micha Acher (45), beide Multi-Instrumentalisten, sowie Klangfrickler Martin Gretschmann (41) lässt sich Zeit für seine Musik. Mit ihrem dritten Album „12“ (1995) und dem Nachfolger „Shrink“ (1998) begann der Wandel von einer Rock- zu einer — Schublade auf — Indietronic-Band — Schublade zu.

2002 gelang The Notwist dann mit „Neon Golden“ eines der schönsten Pop-Alben aus Deutschland überhaupt, das ihnen auch international große Anerkennung einbrachte. Erst sechs Jahre später, im Jahr 2008, erschienen „The Devil, You + Me“ und im Jahr darauf der Soundtrack „Sturm“ zum gleichnamigen Film von Hans-Christian Schmid, für den The Notwist mit dem deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurden.

Passen in keine Schublade

Inzwischen passen sie in keine Schublade mehr, und das ist vielleicht der Hauptgrund, warum es immer eine Weile braucht, um sich an die neuen Stücke zu gewöhnen. Mit jedem neuen Album walzen The Notwist ihren Sound weiter aus. Elemente aus Electronica, Jazz, (Kraut-)Rock, Folk, Pop oder moderner Klassik werden so lange in ihre Einzelteile zerlegt und wieder neu zusammengesetzt, bis es nur noch nach The Notwist klingt — freilich mal elektronischer, mal jazziger, mal rockiger. Vor allem aber: immer anders, immer neu.

„Es ist für uns immer das Wichtigste, dass wir uns nicht wiederholen und neue Sachen ausprobieren“, hat Micha Acher, der kleine Bruder, anlässlich der Veröffentlichung von „Close To The Glas“ gesagt. „Wir hören so viel Musik und haben so viele Einflüsse, die wir in ein Album einbringen wollen.“

Man muss sich also immer wieder neu hineinhören in die Collagen aus elektronischem Geknurp-sel, aus Stampfen und Blubbern, Knistern und Klackern, die auf herzzerreißend schöne, melancholische Melodien treffen. Um all das auf die Bühne zu bringen, werden The Notwist von Max Punktezahl (Gitarre), Andi Haberl (Schlagzeug) und Karl Ivar Refseth (u. a. Vibraphon) begleitet, die seit Jahren schon Weggefährten der Band sind.

Dazu singt Markus Acher mit seinem schüchternen, nasalen — ja, phlegmatischen — Gesang, der zur Melancholie seiner Geschichten passt. Für das Stück „Kong“, die Story von einem Superhelden-Monster, das die Welt vor einer Sintflut rettet, schraubt er seine Stimme in ungeahnte Höhen. Früher, sagt Acher, habe er beim Singen kein großes Selbstbewusstsein gehabt. Deshalb habe es auf den ersten Alben auch so viele verzerrte Gitarren gegeben, die den Gesang ein bisschen verdecken sollten.

Auch heute könne er seine Stimme manchmal einfach nicht mehr hören und probiere dann Sachen aus, wie es anders klingen könnte. Ähnlich verhalte es sich mit den englischen Texten, an denen er früher oft gezweifelt habe. „Inzwischen weiß ich, dass diese Limitierung auch etwas Gutes hat“, sagt Acher. „Das ungelenke und teilweise eben nicht regelgerechte Sprechen, wie das auch Kinder machen, kann Dinge auf eine andere Art treffender beschreiben.“

In einem intimen Rahmen

Rund 700 Menschen passen in den Zinkhütter Hof, der in kürzester Zeit ausverkauft war. In solch einem intimen Rahmen sind The Notwist lange nicht mehr aufgetreten.

Auch das ist natürlich etwas Besonderes, aber Markus Acher will es gar nicht so hoch hängen: „Es kann auch in großen Sälen eine sehr intensive und intime Stimmung entstehen. Aber wenn die Leute freundlich sind und zuhören, dann wird es eigentlich immer gut.“