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Mönchengladbach: The Beach Boys: „Good Vibrations” im Plastik-Poncho

Mönchengladbach : The Beach Boys: „Good Vibrations” im Plastik-Poncho

Kalifornien, Strand und Badeklamotten? Nein. Mönchengladbach, Hockeypark und - Ponchos! Rote, grüne, blaue, orange, transparente. Die Farbe ist egal. Hauptsache: dicht. Gegen den - zum Glück nicht übermäßig starken - Regen, der pünktlich genau in dem Moment einsetzt, als die Beach Boys an diesem Sonntagabend die überdachte Tribüne betreten.

Immer wieder regnet es im Verlauf dieses Abends - die Plastikumhänge haben Konjunktur. Und dennoch „Good Vibrations” und „Fun, Fun, Fun”. Kein alltägliches Konzert!

Warum könnte man sich 2012 den Auftritt einer Band ansehen wollen, die ihren Zenit seit mehr als vier Jahrzehnten überschritten hat? Weil ihre Songs einen seit der Kindheit begleitet haben? Aus ein wenig nostalgischen Gründen also? Oder weil es vielleicht die letzte Gelegenheit ist, die drei überlebenden Gründungsmitglieder - Dennis Wilson starb bereits 1983, Carl Wilson 1998 - gemeinsam auf der Bühne zu erleben? Immerhin ist Brian Wilson schon 70, Alan Jardine wird es am 3. September, und Mike Love zählt gar 71 Lenze. Es ist wohl beides.

Eine lebende Legende

Die Beach Boys sind schlicht und einfach eine lebende Legende. 1961 gegründet, prägten sie mit dem kalifornischen Surferimage, dem Bild von Strandleben und ewigem Sommer ein Lebensgefühl und mit ihren mehrstimmigen Gesangssätzen die Popwelt. Mit dem Song „Surfin Safari” wurden sie 1962 schlagartig zu Stars. Viele, viele Hits folgten. Aber auch Probleme. Mit der Gesundheit, mit Drogen. Personalwechsel und Soundexperimente sorgten für ein Auf und Ab.

Und jetzt stehen sie da. Auf der Bühne im Mönchengladbacher Hockeypark, quasi nur einen Steinwurf entfernt vom großen Stadion, in dem die Fans ihren Borussen zujubeln. Stehen da im Scheinwerferlicht, und es ist, als habe die Popgeschichte an dieser Stelle für einen Moment ihr hektisches Vorwärtsdriften angehalten.

Es ist ein sehr emotionales Schauspiel, das sich hier bietet. Da ist er, Brian Wilson, der Große, der magische Harmonien-Tüftler, der vor Jahren so gerade noch dem Tod von der Schippe sprang. Sein Auftreten, seine Bewegungen, seine Stimme sind immer noch gezeichnet von diesem Tal, durch das er gehen musste. Aber er war, ist und bleibt der Dreh- und Angelpunkt der Beach Boys, auch wenn er hier am Rand am weißen Flügel als einer von mehreren sitzt.

Die Gruppe hat viel hinter sich, auch immer wieder Streitereien. Aber das zählt im Moment nicht mehr. Denn jetzt wird das Jubiläum gefeiert. Ein halbes Jahrhundert. Wahnsinn, möchte man sagen. Und immerhin tun die Beach Boys das, wovon die Rolling Stones zu ihrem 50-Jährigen bisher nur gesprochen haben: Sie sind auf Welttournee. Das auch noch mit einem neuen Album im Gepäck, dessen Titelsong „Thate_SSRqs Why God Made The Radio” sie auch spielen.

Sie, das sind neben den drei Genannten die beiden langjährigen Bandmitglieder Bruce Johnston (68) und David Lee Marks (63), die gleichsam auch schon längst zum Inventar gehören. Zudem noch neun weitere Musiker, die den Sound voll abrunden, auch die berühmten Gesangssätze.

Ein Schuss Selbstironie

Nun gut, von Boys kann man nicht mehr wirklich sprechen. Aber die Herrschaften halten sich prächtig. Satte zweieinviertel Stunden sind sie ohne Pause auf der Bühne, hauen einen Song nach dem anderen raus. Respekt! Und nehmen es sogar mit einem Schuss Selbstironie. Als Sänger Mike Love - im knallbunten Hemd - einmal in die Knie geht und die letzte Luft herauszupressen scheint, richten ihn die anderen wieder auf, ziehen ihn mit einem imaginären Schlüssel auf, und er macht weiter.

Okay, Nuancen des Harmoniegesangs gehen - vor allem anfangs - zuweilen in Gewummer unter. Zwischendurch gibt es auch Stücke, die nicht gerade aus der ersten Repertoirereihe der Band sind. Zwei Fremdnummern - das Ende der 60er von den Beach Boys gecoverte „Cotton Fields” und „California Dreamine_SSRq” - wären nicht unbedingt nötig gewesen. Die Herren haben doch genug Eigenes!

Was solls. Hier soll gefeiert werden. Und das wird es auch. Mit vielen Hits. „Dont Worry Baby”, „I Get Around”, „Sloop John B”, „Wouldnt It Be Nice”, „California Girls”, „Help Me Rhonda”, „Surfin USA”, „Barbara Ann” und auch das psychedelisch angehauchte „He-roes and Villains”, um nur einige Beispiele zu nennen. Und die rund 6000 Zuschauer singen und tanzen. Mit und ohne Ponchos. „Good Vibrations” und „Fun, Fun, Fun” halt - auch zwei von diesen nicht fehlenden unsterblichen Beach-Boys-Evergreens. Zwischendurch auch einige Balladen, etwa „Good Only Knows”, das Brian Wilson hinreißend in die beginnende Dunkelheit hinein singt. Das großartige „Caroline No” stimmt er leider nicht an.

Die Zeit verfliegt. Die Melodien bleiben im Kopf. Sind es auch am nächsten Tag noch. Kein alltägliches Konzert. Eine Begegnung mit einem leibhaftigen Stück Geschichte. Ein glücklicher Abend. Trotz des Regens. Aber für den gibt es ja die Ponchos...