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Aachen: Teuflisch konsequent und brutal ehrlich

Aachen : Teuflisch konsequent und brutal ehrlich

Die Guckkastenbühne mit den zwölf Doppelschwingtüren ist schwarz und leer bis auf eine auf dem Boden sitzende weibliche Gestalt an der Rückseite.

Ein Messer mit einem Blumengriff knallt zeitgleich mit dem Beginn der Ouvertüre zu Georges Bizets 1875 in Paris uraufgeführter Oper „Carmen” auf die Spielfläche.

Das gibt den Startschuss zu einer Inszenierung, die die Gemüter im Publikum spaltet, die fremd scheint und „unspanisch” abstrahiert, die an Sehgewohnheiten rüttelt und in surreal arrangierten Szenen trotzdem das Wesen der „Femme Fatale” Carmen minutiös, sensibel und lebensnah analysiert.

Spezieller Frauentypus

Im Großen Haus des Theaters Aachen führte Hausherr Paul Esterhazy im Bühnenbild von Pia Janssen die Regie zu Bizets Meisterwerk. Unter der Leitung von GMD Marcus R. Bosch stellte sich das Sinfonieorchester den hohen Anforderungen der Partitur.

Wer war, wer ist Carmen? Auf keinen Fall nur eine Spanierin aus Sevilla. Auf jeden Fall ein spezieller Frauentypus neben vielen anderen: teuflisch konsequent und brutal ehrlich, deshalb emanzipiert und unabhängig.

Alina Gurina gibt diesem Charakter ein Gesicht - markant, schön, beherrscht -, erfüllt ihn mit unterschwellig angespannter Erotik und bewältigt die Partie mit einem kerngesunden Mezzo, dessen Trumpf im spielerischen Kalkül, im gezielten Einsatz von fordernder Aggressivität und unschuldigem Trällern liegt.

Don José, kindlich naiv und gehorsam, liegt Michael Ende gut in der Kehle. Zwar klingt nicht alles balsamisch schön, was er singt, aber sein Tenor schwingt frei und nicht gestemmt, und sein Piano im Duett mit Micaela kommt ohne Falsett aus.

Parallel zum Eifersuchtsdrama zwischen Carmen und Don José lässt Paul Esterhazy mehrere vollkommen anders ausgerichtete Beziehungskonstellationen im Chor, in der Statisterie und zwischen den Solopartien ablaufen. Er setzt in den typisierten Gegenwartskostümen von Renate Schwietert gezielt Farben ein und gesteht dem Element des Standard-Tanzes eine große Bedeutung zu.

In kurzen, an die Partitur angepassten Tanzsequenzen beweisen sich bei den Paaren Harmonie oder unvereinbare Gegensätze, Ruhe oder Kampf. Sogar die Micaela von Julia Borchert, deren blühender Sopran die Anfangsnervosität schnell in den Griff bekommt, und Escamillo, lyrisch und leicht von Oscar Quezada interpretiert, wagen auf ihrer Suche nach den Geliebten einige kurze Tanzschritte. Bei der Personenführung in intimen Spannungsfeldern hat die Produktion ihre besten Momente.

Problem Chor-Regie

Als ein großes Problem entpuppt sich allerdings der Bühneneinsatz des Chores. Die „Carmen” gehört zu den berühmtesten und schwierigsten Choropern der Musikliteratur. Darauf hat auch eine noch so ideenreiche Regie Rücksicht zu nehmen.

Frank Flade hat den Opern- und Extrachor und besonders die herzerfrischenden Kinder beglückend ausgewogen präpariert. Aber das ständige Rein und Raus durch die Pendeltüren, das scheinbar so symbolträchtige Aufstellen von hässlichen Stühlen in Lillas Pastias Taverne, das neckische Winken mit den Regenschirmen im chaotischen Aufmarsch der Toreros stellten sogar das souveräne Koordinationstalent von Marcus R. Bosch auf eine harte Probe.

Der gestylte Aktivismus der Chöre und die rhythmischen Verzögerungen der sonst so schön intonierenden Agnete Munk Rasmussen und Patrizia Herborn als Frasquita und Mercédès gestanden dem Orchester zeitweise nur eine reagierende und keine prägende Funktion zu.

Schade, denn Boschs temporeiches, gefühlvolles und besonders in der Kartenszene aggressiv attackierendes Dirigat zeugte von einer musikalisch durchdachten, anspruchsvollen, effektreichen Gesamtanalyse, die so noch nicht durchgängig zum Zuge kommen konnte.

Hans Lydman als Moralès und Dancaire, Hans Schaapkens in der kleinen Gaunerrolle des Remendado und Claudius Muth mit der Partie des Zuniga fügten sich nahtlos ins Gesamtgeschehen ein.

Selten beruhte die Beurteilung einer Esterhazy-Produktion auf so vielen subjektiven Geschmacksempfindungen. Selten gab es so viele konstruktive Diskussionen in der Pause und bei der Premierenfeier.

Für den Dilettanten, der seinen Buhruf mitten in die Schlusssequenz des Don José platzierte, hatte jedoch kaum jemand Verständnis. Ansonsten bekam das Ensemble uneingeschränkte Zustimmung, während das Inszenierungsteam Pro- und Kontra-Reaktionen provozierte.