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"Tetra" soll Verbrecher schneller fangen

"Tetra" soll Verbrecher schneller fangen

Aachen (an-o) - Ein gemeinsamer digitaler Polizeifunk soll Europa zukünftig "für die Bürger sicherer und für die Verbrecher unsicherer machen". Am Dienstag beschlossen Deutschland, Belgien und die Niederlande in Aachen, das Funksystem in der Grenzregion zu erproben.

"Hier Schily, wer da?" Der deutsche Innenminister ahnte wohl schon den Vorführ-Effekt, dass am anderen Hörer erst einmal niemand sein würde, und plauderte munter mit dem neben ihm stehenden belgischen Kollegen Antoine Duquesne weiter. Bis plötzlich die Stimme von Robertus Hessing aus dem dicken Handy rauschte. Der niederländische Innenstaatssekretär stand allerdings nur 20 Meter weiter im Garten von Schloss Rahe.

Soeben hatten die drei in dem Aachener Business-Center "einen wichtigen Schritt zu einem sichereren Europa getan" - durch ihre Unterschriften unter eine Vereinbarung zur Erprobung eines gemeinsamen Digitalfunks für alle Sicherheitsdienste. Vom März an werden in Stadt und Kreis Aachen, in der Region Lüttich sowie in Süd-Limburg Polizei, Feuerwehr und Katastrophenschutz üben, sich bei grenzüberschreitenden Einsätze über ein einheitliches digitales Funksystem zu verständigen. Dass die Vorführung des Systems "Tetra" gestern etwas holprig funktionierte, macht nichts. Seit gut anderthalb Jahren schon wird diese Technik in Aachen als Pilotprojekt getestet - angeblich mit überzeugenden Ergebnissen. Ebenso sind schon Systeme mit gleichem Standard in Belgien und in den Niederlanden im Einsatz.

Nun also werden Sicherheitsleute aller drei Länder vier Monate lang in Szenarien wie "Geiselnahme, Großbrand oder schwerer Unfall in der Grenzregion" proben, wie sie gemeinsam mit der Technik und der Verständigung zurecht kommen.

Explosion in Enschede

Ein von allen Rednern bemühter Anlass für diese kooperative Kommunikation war übrigens die Explosion in der Feuerwerksfabrik von Enschede vor drei Jahren. Damals waren deutsche Feuerwehren zwar äußerst hilfsbereit, konnten sich aber kaum verständlich machen, weil sie nicht unmittelbar über Funk mit ihren holländischen Kollegen sprechen konnten. Das große Test-Ziel wiederum ist die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland im Jahr 2006.

Ob die schnelle (Gesprächsaufbau normalerweise in 0,5 Sekunden, leistungsstarke und abhörsichere) kommunikative Verbrecherjagd tatsächlich bis dahin auch nur in Deutschland eingeführt sein wird, ist aber noch gar nicht sicher. Die Länderfinanzminister haben die Umstellung von Analog- auf Digitalfunk bislang einstimmig abgelehnt, wie Otto Schily gestern selber bekannte, "obwohl im Bundestag alle Parteien dafür sind". Nordrhein-Westfalen hat jetzt allerdings 25 Millionen Euro im Haushalt 2003 für das System eingeplant.

Finanzierung noch unsicher

"Tetra" würde aber insgesamt viereinhalb bis sieben Euro kosten. Die Abkürzung steht für "Terrestrial trunked Radio", auf deutsch etwa: Irdischer Fernfunk. Das Tetra-Netz, das auch eine Menge Sendemasten braucht - gegen die es in Holland schon organisierten Bürgerprotest gibt - hat einige Konkurrenz. Das GSM-Netz von Vodafone (D2) zum Beispiel, das zwar kostengünstiger aber auch deutlich langsamer ist, oder auch das D1-Netz wie auch die Kombination von D1 und D2 oder gar UTMS. Das brachte am Dienstag allerdings kein Redner zur Sprache.

Für welches System sich Bund und Länder entscheiden ist noch völlig offen. Innenminister Schily hofft erst einmal, im Frühjahr "die Finanzminister zu überzeugen, wie wichtig das überhaupt ist".