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Aachen: „Terror“ in Aachen: Das Publikum spielt Richter

Aachen : „Terror“ in Aachen: Das Publikum spielt Richter

In Berlin und Düsseldorf mussten die Zuschauer durch verschiedene Türen gehen, in Frankfurt einen Knopf auf der Fernbedienung drücken, und in Aachen werden sie Stimmkarten in eine Box werfen: Ist der angeklagte Kampfpilot schuldig oder unschuldig? Das Publikum darf Richter spielen. Im Gerichtsdrama „Terror“ entscheidet es, mit welchem Urteil die Verhandlung endet.

Diese unmittelbare Beteiligung bildet einen großen Reiz des ersten Theaterstücks von Ferdinand von Schirach. Es ist das neue Stück der Saison. Die deutschen Bühnen reißen sich um den altmodischen Text des Strafverteidigers und Bestsellerautors („Schuld“, „Verbrechen“). 17 „Terror“-Inszenierungen sind für diese Spielzeit geplant. Und Oliver Berbens Produktionsfirma hat sich bereits die Rechte für die TV-Adaption gesichert. Doch was ist das Erfolgsrezept?

„Es ist ein Lehrstück, das eine hochmoralische Frage aufwirft“, findet Elina Finkel, die „Terror“ in der Kammer des Aachener Theaters inszeniert. Verhandelt wird ein fiktiver, aber möglicher Fall: Ein Major der Luftwaffe hat gegen den Befehl seines Vorgesetzten ein Passagierflugzeug abgeschossen, das von einem Terroristen entführt in die voll besetzte Münchner Allianz-Arena gesteuert werden sollte. Er hat also 164 Menschen getötet, um 70 000 zu retten. Die Frage lautet nun: Durfte er das? Darf man Leben gegen Leben aufrechnen?
Trocken formuliert: Der Jurist von Schirach verhandelt den Anwendungsfall des 2005 vom Bundestag beschlossenen und ein Jahr später vom Bundesverfassungsgericht verworfenen Luftsicherheitsgesetzes — und zwar „total exakt recherchiert“, sagt Finkel. Für sie geht es letztlich um die Frage, in welcher Welt wir leben wollen.

Ein Spiel mit den Terror-Ängsten

„Wollen wir in Extremsituationen der Bedrohung das Grundgesetz notfalls außer Acht lassen? Wollen wir uns von Angst regieren lassen?“ Denn das Stück ist auch ein Spiel mit unseren Terror-Ängsten. „Wir müssen begreifen, dass wir im Krieg sind“, sagt etwa der Verteidiger. Sind die Waffen des Rechtsstaates im Kampf gegen den globalen Terrorismus also vielleicht zu stumpf?

Erörtert werden diese Fragen auf der Aachener Bühne nicht in einem nachgebauten Gerichtssaal. Da stehen sechs Stühle und vier Tische, darauf drei Aktenstapel und sechs Plastikwasserflaschen. Das Setting für eine Lesung? Nein, Elina Finkel will natürlich mehr.

Nach dem Kinderstück „Die Schneekönigin“ und dem Kommunen-Trip „Zusammen!“ ist „Terror“ bereits ihre elfte Inszenierung in Aachen. Poesie und Komik zeichneten ihre Arbeiten bisher aus. Zutaten, die jetzt gar keine Rolle spielen. Ein bisschen böswillig könnte man behaupten, dass sie als Regisseurin bei diesem Stück ziemlich überflüssig ist. Es reicht doch, den Text vorzulesen!

Das sieht Finkel selbstverständlich vollkommen anders: „Ich bin hier als Regisseurin so dringend nötig wie sonst nirgendwo!“ Sie liebe es, mit ihren sechs Schauspielern wie ein Archäologe den Text Schicht für Schicht abzutragen, um ihn dann zum Leben zu erwecken. „Jede kleine Geste, jeder Blick, jeder Atmer, jeder Gang erzählt etwas.“ Also nicht „Thesenträger auf zwei Beinen“ in einem juristischen Proseminar, wie ein Kritiker über das Stück meckerte, sondern Menschen sollen die Zuschauer auf der Bühne sehen. „Wir arbeiten sehr daran, dass es nicht papieren und trocken bleibt“, sagt Finkel. Zum Realitätsstudium sei sie mit ihrem Team auch ins Landgericht gezogen und habe einen Fluglotsen der Luftwaffe zur Befragung in die Probe eingeladen. Eine gewisse Kunst-Ebene im realistischen Spiel sollen Projektionen im Stile von Gerichtszeichnungen schaffen.

Bei den bisherigen Aufführungen in Deutschland gab es nur Freisprüche — aber meist knappe Entscheidungen. Die genauen Ergebnisse kann man im Internet verfolgen (siehe unten). Und wie würde die Regisseurin entscheiden? „Das sage ich nicht!“ Finkel „möchte niemanden beeinflussen“. Sie betont: „Wir bemühen uns sehr, nicht Partei zu ergreifen und jedes Argument ernst zu nehmen.“

Der Richter verkündet am Ende das Urteil des Publikums und sagt: „Auch wenn es schwer zu ertragen ist, müssen wir doch akzeptieren, dass unser Recht offenbar nicht in der Lage ist, jedes moralische Problem widerspruchsfrei zu lösen.“ Das Dilemma bohrt in den Zuschauern vielleicht weiter. Habe ich richtig entschieden? „Es wird wahnsinnig viele Diskussionen geben“, glaubt Finkel. Mit diesem Stück wird das Stadttheater „ein Forum der Demokratie“, hat ein Kritiker gejubelt. Egal, ob schuldig oder unschuldig — nach dem Richterspruch soll die Bar in der Aachener Kammer für Gespräche geöffnet bleiben.