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Aachen: Temporeiche Farce: Büchners „Leone und Lena”

Aachen : Temporeiche Farce: Büchners „Leone und Lena”

„Was glotzt ihr denn so romantisch”, schallt es gleich zu Beginn frech aus dem „Guckkasten”, den die Bühnenbildnerin Geelke Gayken zur schwärzlichen Brandstätte ausgebaut hat. Mit der angekokelten Installation und der verbalen Anspielung auf Brechts bittere Heimkehrerkomödie „Trommeln in der Nacht” wird das Publikum perfekt eingestimmt auf 100 kurzweilige Minuten rundum gelungenes Theater.

Aus „Leonce und Lena”, Georg Büchners keineswegs langweiligem Stück über Langeweile und Überdruss, macht Regisseur Thomas Oliver Niehaus am Theater Aachen eine temporeiche Farce, unterhaltsam wie tief schürfend. Mit vier Schauspielern und einem Musiker entfaltet sich ein detailverliebtes „Lust-Spiel”. Das Quartett macht Büchners Angriff auf Kleingeisterei wie Kleinstaaterei und liebedienerische Hofschranzen zum Genuss.

Der gelangweilte Prinz aus dem Reiche Popo, die todessüchtige Prinzessin aus dem Reiche Pipi, was haben sie mit uns heute zu tun? Ein steuerparadiesischer Zwergstaat wie Monaco, die Jetset-Goldmarie Paris Hilton oder die tragikomischen Verirrungen von „Royals” und Adeligen im Skandalblätterwald geben zu denken...

Fein zugespitzt haben Regie und Dramaturgie das Spiel um zwei Königskinder, die sich auf der Flucht vor staatlich verordneter Zwangsheirat in einem imaginären Südland zusammenfinden. Der bizarre Kampf um Selbstbestimmung gipfelt im furiosen „Blind Date” von Leonce und Lena, die der Zufall oder die Vorsehung zu einem Liebespaar macht - letztlich aber entsteht jene Staatsräson-Verbindung, die beide zu verhindern suchten.

Zartherb und doch kraftvoll verkörpert Julia Brettschneider die blumenhafte Lena und die kokette Rosetta, des Prinzen abgelegte Geliebte. Silvester von Hösslin glänzt elegant und vielschichtig als verwöhnter Prinz, der seiner royalen Marionetten-Rolle ebenso überdrüssig ist wie seiner Geliebten und seiner selbst. Unverkrampft rustikal spielt Markus Haase den verfressenen Diener Valerio, der lustvoll der Faulheit frönt, während sein Herr sich eine andere Identität, ein zweites Leben ersehnt.

Haase überzeugt auch als Polizist, ebenso wie die ausgezeichnete Bettina Scheuritzel als Gouvernante, Präsident und Staatsbüttel. König Peter mit seiner schnurrigen Philosophie wird zur körperlosen Stimme (von Hösslin). Die innovative Musik von Anton Berman, auch als Hofprediger zu sehen, verbindet sich nahtlos mit flotten Popsongs, teils vom Ensemble selbst gesungen.

Von Menschen und Marionetten erzählt dieses hinreißende Theaterkaleidoskop mit einem gut aufgelegten Ensemble und unerschöpflichem Einfallsreichtum. Kaum zu bremsender Beifall des begeisterten Publikums.