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Kerkrade: „Tastentiger” zaubert mit sanfter Pranke die feinsten Nuancen

Kerkrade : „Tastentiger” zaubert mit sanfter Pranke die feinsten Nuancen

Einmal im Monat gibt es selbst für Klassikfans, die alle großen Interpreten dieser Zeit gehört haben und in den Konzerthäusern der Welt ein und aus gehen, etwas zu staunen - und zwar bei den Orpheo-Konzerten in Rolduc, der ehemaligen Abtei hart an der Grenze von Kerkrade zu Herzogenrath.

Kaum ein Künstler dort gilt schon als prominent - aber alle sind klasse. Eine solche Begegnung gab es jetzt mit dem aus Südkorea stammende Pianisten Ian Yungwook Yoo.

Der 31-Jährige, 2007 Erster beim Beethoven-Klavierwettbewerb in Bonn, beeindruckte seine Zuhörer mit der großen Geste seiner Interpretationen. Schon Beethovens Waldstein-Sonate, ein Eckstein der klassischen Klavierliteratur, ließ er druckvoll dahinrollen, einem furiosen Klanggewitter gleich.

Dass er das pianistische Geschäft mit vehementem Anschlag eher als vollplastische Bildhauerei kraft der Töne denn als leise Innerlichkeitskunst betreibt, ließ auch Yoos Zugriff auf drei für sein Instrument bearbeitete Sätze aus Strawinskys ursprünglich fürs Orchester geschaffener Ballettsuite „Petruschka” erkennen. Da wurde deutlich, dass sich seine Virtuosität nicht im Vehementen erschöpft: Die grotesken bis grellen Züge der Tanzszenen teilten sich jedenfalls unmittelbar mit.

Nach der Pause dokumentierte Yoo mit der h-Moll-Sonate von Franz Liszt (auch er in seiner Zeit ein Tastentiger vor dem Herrn), dass er auch anders kann. Das schwierige Werk, das formal mit der klassischen Sonate mit ihrer klaren Behandlung von Themen und anderen Strukturmerkmalen nicht mehr viel zu tun hat, zeichnete der Solist fein nuanciert und sehr gefühlvoll.

Jeglicher Versuchung, mit mächtiger Pranke und großer Brillanz sich in Szene zu setzen, widerstand der Koreaner jedenfalls mannhaft. Kein Wunder, dass sich die Musikfreunde mit stehend gespendetem Applaus bei dem Gast für diese beeindruckende Probe seiner Kunst bedankten. Eine Zugabe dokumentierte, dass Yoo sich in Rolduc seinerseits gut aufgehoben fühlte.