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Köln: Szenen einer Ehe aus zwei Blickwinkeln: Neuer Roman von Stephan Thome

Köln : Szenen einer Ehe aus zwei Blickwinkeln: Neuer Roman von Stephan Thome

Stephan Thome ist ein bisschen verschnupft, spricht mit leiser Stimme. Bei der Lesung am Abend in einer kleinen Buchhandlung in Köln wird er nur kurze Passagen zum Besten geben können. Seit Wochen ist er unterwegs auf Tour, „das schlaucht“, sagt er und nippt an seinem Tee.

Die Verkaufszahlen des neuen Romans „Gegenspiel“ sind gut, aber sie könnten gerne noch ein bisschen besser sein. Bis Ende März wird sich Thome, der seit seinem Debüt „Grenzgang“ (2009) einer der meist beachteten Autoren im Land ist und bereits zweimal auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand, noch ins Zeug legen — in eigener Sache. Danach kann er sich wieder dem widmen, was er am liebsten tut — schreiben. Längst hat er mit einem neuen Stoff begonnen. Und wenn man ihn fragt, wie er sich die Zukunft vorstellt, dann schaut er, als wolle er nicht wahrhaben, dass man ihm diese Frage tatsächlich stellt: „Schreiben werde ich. Ein Buch nach dem anderen.“

Das Schreiben der Bücher ist eine Sache. Über Bücher zu reden, eine andere. Thome, 42 Jahre alt, mag es nicht so sehr, den eigenen Stoff erklären zu müssen. Aber welcher Schriftsteller tut das schon? Andererseits: Über irgendetwas muss man ja reden, wenn man sich zum Gespräch verabredet hat. Zum Beispiel über das Thema Ehe. Oder vielmehr darüber, wie schwer es sein kann, eine halbwegs erfolgreiche Ehe zu führen.

Zwei Bücher, eine Geschichte

Schon der Vorgängerroman „Fliehkräfte“ (2012) erzählte davon — aus der Perspektive des Endfünfzigers und Philosophieprofessors Hartmut Hainbach. In seinem neuen Roman „Gegenspiel“ hat Thome die Geschichte einer Ehe wieder aufgegriffen, diesmal aus der Sicht von Maria, Hartmuts Frau. „Ich wollte, dass sich der Leser beide Male ganz auf die Perspektive einer Figur einlässt, und zwar für die gesamte Dauer eines Romans.“ Deshalb sei es keine Option gewesen, alles in ein Buch zu packen, erinnert sich Thome. Die Idee, aus der Geschichte zwei Bücher zu machen, die man unabhängig voneinander lesen kann, war längst ausgefeilt, als er die Arbeit an „Fliehkräfte“ im Mai 2010 begann. „Man hat manchmal Ideen, die sind Hirngespinste und die verschwinden schnell. Wieder andere setzen sich fest. Die Idee, die Geschichte von Hartmut und Maria in zwei Büchern zu spiegeln, war eine, die sich festgesetzt hat.“

Von vorneherein sei klar gewesen und mit dem Suhrkamp-Verlag abgesprochen, dass „Gegenspiel“ nicht als zweiter Teil von „Fliehkräfte“ vermarktet werden würde. „Jedes Buch musste für sich allein funktionieren.“ So spielt es denn auch keine Rolle, ob man zuerst „Fliehkräfte“ oder „Gegenspiel“ liest oder umgekehrt. Man muss auch nicht unbedingt beide Bücher lesen. Die Frage ist nur, ob man dem Drang widerstehen kann, wenn man erst einmal weiß, dass sie wie eine Art Zwillingspaar in der Welt sind.

Es wird interessant sein zu beobachten, ob die Verkaufszahlen von „Fliehkräfte“ in diesen Tagen zwei Jahre nach seinem Erscheinen noch einmal ansteigen.

Wie schon bei „Fliehkräfte“, so gibt es auch bei „Gegenspiel“ ein offenes Ende. Man weiß nicht, wie es mit Maria und Hartmut weitergehen wird. Was denkt Thome selbst? „Im Grunde sind sie quitt, beide haben einen Seitensprung hinter sich, den sie sich gebeichtet haben. Eigentlich müssten sie nun die Größe besitzen, um noch einmal einen Neuanfang zu wagen — auch mit Anfang 60.“ Ein dritter Roman über das Ehepaar Hainbach ist nicht in Planung. Tho—me sagt, er habe mit dem Stoff abgeschlossen. Das sei auserzählt.

Wenn man den 42-Jährigen fragt, was er selbst von der Idee einer Ehe hält, wird er einsilbig. Man merkt, dass ihn solche Fragen nerven, nur würde er es nicht zeigen. Thome ist ein bisschen so, wie er schreibt — fein, sehr genau, leicht distanziert. Er mag es nicht, wenn man seine Romane auf ein Thema beschränkt. „Ich würde nicht sagen, dass sich die Bücher auf Kommunikationsprobleme in einer Ehe reduzieren. Es geht um zwei Menschen, die sich zuerst alleine und später zusammen die Frage stellen, wie man es schaffen kann, das Leben zu leben, das man leben will.“

Seine Bücher seien keine Ratgeber — „um Gottes Willen!“ Er selbst habe sich bislang nicht zu einer Ehe durchringen können, so viel verrät er immerhin. Da sich eine Ehe aber offensichtlich in der Frage der Bewältigung des Alltags nicht unbedingt so sehr unterscheidet von einer eheähnlichen Beziehung, sagt er wohl auch aus Erfahrung: „Eine Ehe zu führen, ist schwierig. Und es wird in der heutigen Zeit offensichtlich immer schwieriger. Die Frage ist ja nicht, ob man sich liebt oder genug liebt. Die Frage ist, findet man einen Modus Vivendi im Alltag.“

Letztlich müsse das natürlich jeder für sich entscheiden. Er rate niemandem ab. Er rate aber auch niemandem zu. „Es gibt in meinen Büchern keine Botschaft, die sich in einen Beipackzettel für das Leben packen lässt. Meine Bücher zeigen, wie viel Arbeit es bedeutet, eine Ehe zu führen.“ Mehr sei es nicht. Und mehr solle man auch bitteschön nicht hineininterpretieren. Wer könne letztlich schon sagen, was es braucht, um eine harmonische Ehe zu führen? Seien zum Beispiel Offenheit und Ehrlichkeit tatsächlich immer nur gut für eine Ehe? „Sind Geheimnisse, kleine Lügen und ein bisschen Trickserei nicht vielleicht manchmal sogar besser?“

Maria und Hartmut haben es mit der Wahrheit in ihrer Ehe jedenfalls nicht immer so genau genommen. Was die beiden betrifft, so glaubt ihr Schöpfer, dass sie letztlich zu sehr aneinander hängen, um nach all den Jahren noch die Brocken hinzuwerfen. „Ich glaube, da geht noch was.“

Für Thome geht nach 45 Minuten nichts mehr, zumal ja auch noch die Lesung ansteht. Irgendwie ahnt man, dass er froh ist, wenn Ende März die Lesetour zu Ende ist, er endlich wieder schreiben darf und keine Fragen über das Gelingen oder das Scheitern von Ehen beantworten muss. Er weiß es doch selbst nicht. Er schreibt bloß ein sehr gutes Buch nach dem anderen darüber.