1. Kultur

Aachen: Süssmuth zerpflückt „Naturrolle der Frau”

Aachen : Süssmuth zerpflückt „Naturrolle der Frau”

Ganz ohne Umschweife hat die Professorin für Erziehungswissenschaft und einstige Familienministerin gleich einen Vorredner angesprochen: Der RWTH -Rektor Professor Burkhard Rauhut hatte in seiner Begrüßungrede im Eurogress auf eigene familiäre Erfahrungen zurückgegriffen hatte.

Seine Söhne seien im zarten Kindesalter direkt von Spielzeugautos und Lego begeistert gewesen, die kleine Tochter habe hingegen direkt nach einer Puppe gegriffen. Vermeintliche oder tatsächliche geschlechtsspezifische Unterschiede, das war denn auch die Frage beim großen Thema des diesjährigen Psychotherapieseminars, das sich mit Partnerschaft beschäftigte unter dem Titel „Frauen und Männer im Spannungsfeld zwischen Biologie und Gesellschaft”.

Rita Süssmuth, die am 17. Februar 71 Jahre alt wird, fiel es nicht schwer, zu diesem „Spannungsfeld” einige klare Aussagen zu treffen. War sie doch einst selbst von den Christdemokraten, also ihrer eigenen Partei, zum Rücktritt aufgefordert worden, weil sie die Erkenntnisse von Simone de Beauvoir als „wichtig” gelobt hatte.

Mit der „Naturrolle der Frau” habe sie sich nie anfreunden können, denn heutige Männer zeigten ja durchaus, dass auch sie liebevoll und kompetent mit kleinen Kindern umgehen könnten. Und des Rektors Meinung, kleine Mädchen und Jungen griffen eben doch nach bestimmten Spielzeugen, konnte sie so auch nicht stehen lassen. „Auch kleine Jungen lieben Kuscheltiere. Alle Kinder brauchen etwas zum Liebkosen.”

Was bereits Sartre wusste, betont die Professorin und hält dann ein packendes Referat, das auch sogenannte Erfahrungswerte hinsichtlich geschlechtsspezifischen Verhaltens anzweifelt. Wissenschaft und Technik entwickelten sich in rasantem Tempo, hingegen sei nichts langsamer als soziale und mentale Veränderungen.

So habe es 25 Jahre gedauert, bis die Vergewaltigung in der Ehe ein strafrechtlicher Bestand unserer Gerichte wurde. Eine interessante, unkonventionelle Querdenkerin stellte sich da dem Publikum, das die Rednerin mit Riesenbeifall entließ. Eine Rednerin, die genau wusste, wovon sie sprach, und Hoffnung machte auf ein gesellschaftliches Umdenken, das beiden Geschlechtern die Chance gibt, sich in vielen verschiedenen Lebensbereichen zu bewähren. Vielleicht sogar gemeinsam.