1. Kultur

Aachen: „street photography”: Die Welt auf den Straßen von New York

Aachen : „street photography”: Die Welt auf den Straßen von New York

An einer Schaufensterscheibe drücken sich Mädchen und Jungen die kleinen Nasen platt. Es ist Weihnachtszeit, man sieht die Auslagen nicht, aber in den sehnsüchtigen Blicken der Kinderaugen erkennt man: Es müssen Wunderdinge sein!

Szenenwechsel: Zwei schwarze Arbeiter im Zypressensumpf von Florida, erschöpft, krank, vorzeitig gealtert, ohne Hoffnung - der amerikanische Fotograf Arthur Leipzig, den das Suermondt-Ludwig-Museum Aachen mit einer ersten Deutschland-Ausstellung präsentiert (Eröffnung diesen Freitag um 20 Uhr), hat mit seiner Kamera viel mehr eingefangen, als reine Motive.

Es sind die Menschen in ihren Gefühlen und Schicksalen, die spielenden Kinder, harte Arbeitswelten, Begegnungen in der Untergrundbahn, Reiche, Arme, Verliebte und Deprimierte, allein oder in gedrängten Massen, denen sein einfühlsamer Blick gilt.

Als freiberuflicher Fotojournalist, ausgebildet von der renommierten „Photo League”, bei der er ursprünglich nur einen kleinen Job in der Dunkelkammer suchte, gilt Leipzig, der im Oktober seinen 90. Geburtstag feiert, als angesehener Vertreter der amerikanischen „street photography”. 50 Jahre lang suchte und fand er - trotz zahlreicher abenteuerlicher Auslandsreisen - seine liebsten und wichtigsten Motive auf den Straßen von New York.

„Exploring the world in the streets of the city” - „die ganze Welt auf den Straßen der Stadt entdecken” lautet sein Bekenntnis zur „Bühne des Lebens”, und er erzählt mit Leidenschaft von diesem Wirbel der stets wechselnden Eindrücke. „Es war nicht immer ungefährlich, und ich hatte oft Angst”, gesteht er, der zusammen mit Frau und Tochter von Long Island nach Aachen gekommen ist, um diese Deutschland-Premiere unter dem Motto „Next Stop New York” zu erleben.

„Ich konnte es kaum glauben, aber es gab in Deutschland noch nie eine umfassende Ausstellung mit seinen Werken”, betont Kuratorin Sylvia Böhmer, die Leipzig für das Suermondt-Ludwig-Museum entdeckt hat und 120 Originale aus über 60 Schaffensjahren in den Parterreräumen präsentieren kann.

„Nach unserer eigenen Schau ,Luftsprünge´ vor zwei Jahren hat mir jemand eine Postkarte geschickt: Sie zeigt drei junge Männer, die in den East River springen, zwei sind in der Luft, einer im Absprung, ein Foto von Arthur Leipzig von 1948, das hat mich fasziniert.” Erstaunlich unkompliziert gelang der Kontakt per E-Mail. „Je intensiver unsere Verbindung wurde, um so näher fühlte ich mich ihm und seinen Bildern.”

Jede einzelne Fotografie erzählt eine Geschichte und weckt die Fantasie. Da gibt es die Liebespaare im schummrigen Dunkel der Subway, die lachenden Teenager im Vergnügungspark Coney Island, die Arroganz der Reichen in der Oper und die stumme Verzweiflung der Armen. Da überträgt sich die Einsamkeit in den nebelfeuchten Straßen der nächtlichen Stadt und die unfreiwillige Komik beim Anblick der „Töchter der Amerikanischen Revolution” - stramme reifere Damen der Gesellschaft mit seidenen Schärpen.

Besonders die amerikanischen vierziger und fünfziger Jahre in ihrem Wachstum, ihren aufstrebenden Veränderungen, werden von Leipzig dokumentiert. Auch die Revolte, das Aufbegehren, Rassismus, Korruption und Klassenkampf thematisiert er. Seine Bilder sagen die Wahrheit.

„Arthur Leipzig hat einen feinen Humor”, weiß Sylvia Böhmer und empfiehlt ein Foto, das gleich zu Beginn der Ausstellung zu sehen ist: Eine Familie sitzt mit vorwurfsvollen Mienen am Tisch vor leeren Tellern, und selbst der Hund unter dem Tisch hat keinen Knochen - der Titel: „Have you forgotten?” (Hast Du vergessen?) „Er hat das Bild ohne Kommentar allen geschickt, von denen er noch Honorare zu bekommen hatte”, erzählt die Kuratorin. „Sie haben alle schnell bezahlt...”

Immer wieder ist es dem Fotografen gelungen, „den” Moment festzuhalten, einen Schwung, ein Lachen, eine Dynamik - etwa im Spiel der Kinder, die ihn stets neu zur Kamera greifen ließen. Sie raufen und hüpfen, klettern und rennen durch seine Bilder, dass der Betrachter noch heute seine Freude hat. Realismus und höchste Ästhetik der Bildkomposition, das feine Ausreizen aller Nuancen, die das Medium der Schwarzweiß-Fotografie bietet, verbinden sich zu einer empfindsamen und kraftvollen Sprache, die er übrigens auch 22 Jahre lang als Professor Studenten vermittelt hat.

Als Freiberufler durfte Leipzig nicht zimperlich sein. Hoch oben auf der Brooklyn Bridge, wo er die Anstreicherarbeiten dokumentieren musste, wurden ihm die Knie zwar weich - aber das Foto ist sensationell geworden. Den Fensterputzer im 100. Stock des Empire State Buildings beobachtete Leipzig weit herausgelehnt aus dem 101. Stock. Schon der Blick auf dieses Foto sorgt für Schwindelgefühle. Wie er sich auf dem winzigen Fischerboot bei herbstlichem Seegang im Nordatlantik gefühlt hat? „Schrecklich!”, erinnert sich Leipzig bis heute. Nicht nur dieses Foto verlangte eiserne Disziplin.

Was seine Arbeit auszeichnet, fasst Sylvia Böhmer in den Begriff des „human aspect of photography”, ein zutiefst menschlicher Blick, der bei aller Intimität niemals voyeuristisch ist, der Tragik ohne Pathos zeigt, und in den Augen der Menschen jeden Alters zu lesen versteht.