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Leipzig: Stiftung zeigt unbekannte Seiten von Werner Tübke

Leipzig : Stiftung zeigt unbekannte Seiten von Werner Tübke

Die Gemeinde hat ihren Frieden mit Werner Tübke geschlossen. „Nur ein paar ganz Wenige kommen seitdem nicht mehr in die Kirche”, sagt Pastor Christian Kühne aus Zellerfeld im niedersächsischen Teil des Harzes. „Seitdem” bezieht sich auf den 13. April 1997.

An dem Tag wurde der Flügelaltar in der St.-Salvatoris-Kirche in Zellerfeld eingeweiht - gestaltet von Werner Tübke, dem atheistischen Künstler aus der DDR, der am Donnerstag seinen 80. Geburtstag gefeiert hätte. „Der Altar ist eine Predigt für die Augen”, sagt Pastor Kühne nicht unpathetisch. Der Vorwurf, ein Atheist könne kein geistliches Werk schaffen, sei „absoluter Quatsch”.

Bekannt wurde Tübke mit seinem Monumentalwerk über den Bauernkrieg. In Bad Frankenhausen in Thüringen verewigte sich Tübke und mit ihm auch die SED als Auftraggeber auf dem 1722 Quadratmeter großen Bild „Frühbürgerliche Revolution in Deutschland”.

80.000 Gäste kommen jedes Jahr, um sich dieses riesige Kunstwerk anzuschauen. Nur 80.000, muss man sagen, „früher waren es rund 100.000 pro Jahr”, sagt Tamara Pawliczek vom Panorama Museum in Bad Frankenhausen. Ein sinkendes Interesse an Tübke lasse sich daran aber nicht ablesen, ist sie sich sicher. „Die Besucherzahlen gehen doch überall zurück.” Um das Bauernkriegspanorama zu sehen, kämen Tagestouristen ebenso wie Malerei-Klassen und Kunstinteressierte, sagt sie.

Wer Tübke heute studieren möchte, findet ausreichend Anschauungsmaterial im ehemaligen Wohnhaus der Familie gleich hinter dem Leipziger Zoo. In der Springerstraße ist die Tübke-Stiftung untergebracht, und in dem kleinen Nebenzimmer, wohin sich Brigitte Tübke-Schellenberger an den samstäglichen Öffnungstagen gerne mit einer Zigarette zurückzieht, zeigt sich auch die andere Seite des Malers: Schränke voll mit - man muss es so nennen - Tinnef.

Tübke sammelte Einwegfeuerzeuge, mit italienischen Urlaubsmotiven bunt bedruckte Aschenbecher, Taschenmesser, und was er sonst noch so fand. „Das war wohl sein Ausgleich zur Malerei”, schätzt seine Witwe heute. Auch wenn er vor fünf Jahren gestorben ist, „seinen 80. feiern wir trotzdem”. Wann und wo sagt sie nicht, aus der privaten Feier würde sonst schnell eine öffentliche.

Der 80. Geburtstag des Viel-Malers - die Stiftung hat rund 400 Gemälde, 6000 Zeichnungen und 530 Aquarelle dokumentiert - und Gründers der „Leipziger Schule” wird in den nächsten Wochen aber auch weitab von Leipzig in Zellerfeld gefeiert, dort, wo sein einziges rein kirchliches Werk zu bestaunen ist.

„Wir zeigen zwei Filme über Tübke”, sagt Pastor Kühne. „Und in Vorträgen wollen wir der Gemeinde und Interessierten seine Arbeit näherbringen.” Denn Aufklärung tue Not, ist sich der Pastor sicher. Nicht nur über Tübke allein, sondern auch über das Verhältnis zwischen Kunst und Religion.

Der Altar in Zellerfeld zeige, dass sich der Atheist Tübke ganz ausgezeichnet in der christlichen Ikonographie ausgekannt habe. Und ein religiöser Künstler müsse sich ja auch nicht fortwährend für ein weltliches Werk rechtfertigen, sagt Pastor Kühne.

Tübke als Atheist - Annika Michalski hat mit dieser Beschreibung ihre Schwierigkeiten. Natürlich habe die DDR ihn so dargestellt, als guter Marxist, der er sein musste. „Aber er war gläubig”, ist sich Kulturwissenschaftlerin Michalski, die gerade an einer Doktorarbeit über den Maler arbeitet, sicher.

Sie zeigt in der Stiftung auf ein Selbstbildnis des Künstlers von 1948, das ihn nach seiner Haft in einem sowjetischen Gefangenenlager in seiner Geburtsstadt Schönebeck zeigt. Die hagere Gestalt, der Blick - diese Zeit sei an Tübke nicht spurlos vorbei gegangen, sagt sie. Glaube spiele in seinen Bildern immer wieder eine Rolle, auch wenn er in der DDR natürlich nie ein kirchliches Werk geschaffen habe.

Dass er wegen des Verdachts, in den letzten Kriegsmonaten ein sogenannter NS-„Werwolf” gewesen zu sein, von den Sowjets inhaftiert wurde, sei nur wenig bekannt, die offiziellen Lebensläufe sparten dies zumeist aus. Dies zu ändern sei auch zu seinem 80. Geburtstag Anliegen der Stiftung, sagt Michalski.