Aachen: Spiel, Satz und Sieg von Stuckrad-Barre

Aachen : Spiel, Satz und Sieg von Stuckrad-Barre

Während man die erste von insgesamt 27 Geschichten dieses Buches liest, ist sie von der Realität längst überholt worden. Denn Boris Becker und seine Frau (also Ex-Frau) Lilly, Hauptdarsteller des Textes mit dem Titel „Advantage Becker“, haben sich zwei Monate nach dem Erscheinen des Buches getrennt. Das ist bedauerlich für Lilly und Boris, doch uns muss es nicht weiter belasten.

Zumal der Text nicht nur von Boris und Lilly, sondern davon handelt, wie es sich anfühlt, noch einmal jenen legendären 7. Juli 1985 zu erleben, das Finale von Wimbledon, den Tag, an dem Bum-Bum-Becker als jüngster Spieler aller Zeiten das bedeutendste Tennisturnier der Welt gewann. Momente für die Ewigkeit, Benjamin von Stuckrad-Barre holt sie treffsicher zurück.

Ein letztes Mal weiße Tennisbälle

Gemeinsam mit dem Autor sitzen wir also im Wohnzimmer von Boris und Lilly Becker und schauen uns noch einmal das Match gegen den Südafrikaner Kevin Curren an. Es ist das letzte Spiel auf dem Centre Court von Wimbledon, bei dem weiße Tennisbälle zum Einsatz kommen. Eines von vielen Details, die von Stuckrad-Barre erzählt, und die uns auf fast anrührende Art und Weise zurückversetzen in eine Zeit, die es nicht mehr gibt. Längst haben die neongelben Bälle die Tennisplätze dieser Welt erobert.

Es mag ja sein, dass Lilly Becker ihren Mann geliebt hat. Wir wissen das nicht, bei neun Jahren Ehe darf man aber davon ausgehen. Was wir aber nach der Lektüre ganz sicher wissen, ist, dass Frau Becker wenig bis gar keine Ahnung hat von der Tennisvergangenheit ihres Mannes. „Und dieses Spiel hat damals wirklich halb Deutschland geguckt?“, fragt Lilly ihren Mann verblüfft. Weil es ihr wohl ein bisschen peinlich ist, schiebt sie schnell hinterher, dass sie damals erst neun Jahre alt gewesen sei und noch mit Barbie und Ken gespielt habe. Das erklärt natürlich alles.

Dass von Stuckrad-Barre gerade diese aberwitzigen Dialoge zwischen den Beckers in seinem Text zum Besten geben würde, hatte Lilly Becker wahrscheinlich so gar nicht vorhergesehen, als sie den Autor ins Wohnzimmer ließ. Man fragt sich ja schon, wie man so naiv sein kann. Und Boris? Ihm, dem Medienprofi, muss doch auch klar gewesen sein, dass von Stuckrad-Barre nicht nur an der Nacherzählung eines Tennismatches interessiert gewesen sein wird. Doch genau das, was sich nicht auf dem Tennisplatz abspielt, jene Beobachtungen am Rande, sind es, die von Stuckrad-Barre im Blick hat und nicht nur diesen Text zu einer Perle machen.

Hier schreibt einer, der sich vordergründig an den ganz großen Themen entlanghangelt und dabei doch durch die Schilderung angeblicher Nebensächlichkeiten zum bedeutenden Chronisten unserer Zeit geworden ist.

Der Lächerlichkeit preisgegeben

Aber nicht nur im Falle der Beckers wundert man sich, was den einen oder anderen Hauptdarsteller dieser Texte dazu bewogen haben könnte, sich auf von Stuckrad-Barre einzulassen. Ihnen muss doch klar gewesen sein, dass sie der gewiefte Autor, sollte es denn nötig sein, mit spitzer Feder der Lächerlichkeit preisgeben würde.

Im Falle des TV-Priesters Jürgen Fliege, von dem heutzutage kein Mensch mehr redet, der aber tatsächlich einmal eine große Nummer im deutschen Fernsehen war, ist das besonders tragisch. Was hatte Fliege denn erwartet? Hatte er sich allen Ernstes eingebildet, von Stuckrad-Barre würde einen Text zu seiner Verteidigung schreiben, nachdem Fliege wegen dubioser Vermarktungsstrategien eines angeblichen Heilwassers, der sogenannten „Fliege-Essenz“, in die Kritik geraten und der Anfang vom Ende seiner Karriere eingeleitet worden war? Am Ende ist der Text eine einzigartige Vernichtung, ohne vernichtend geschrieben zu sein.

Nun könnte man meinen, dass sich von Stuckrad-Barre mit seinen Texten vornehmlich im boulevardesken Milieu umgeschaut habe. Doch weit gefehlt, denn das Buch enthält hervorragende Stücke über Größen wie den Verleger Axel Springer, die Autorenkollegen Walter Kempowski und Rainald Goetz und den Regisseur Helmut Dietl. Ein Höhepunkt ist zweifelsohne der Text „Der letzte Sommer ohne Papier“, in dem von Stuckrad-Barre den Abschied von der gedruckten Zeitung beschreibt, an der ihm so sehr gelegen war, besonders im Urlaub, wo die deutschen Tageszeitungen immer erst mit einem Tag Verspätung käuflich zu erwerben waren.

27 Geschichten, teils witzig, teils traurig, auch beides. Ein Lesegenuss! Gerade für jene, die mit dem Namen Lilly Becker nichts anzufangen wissen.