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Hamburg: Sparprogramme prägen das Theaterjahr 2003

Hamburg : Sparprogramme prägen das Theaterjahr 2003

Existenzängste und Krisenstimmung bestimmten die Atmosphäre an den deutschsprachigen Theatern im vergangenen Jahr.

Die Politik zwingt den Häusern Sparprogramme auf, die Theatermacher vermissen Rückhalt und Kommunikation mit den politisch Verantwortlichen. „Sparvorgaben ohne Gespräche mit den Betroffenen und ohne Konzept sind tödlich”, kritisiert der Präsident des deutschen Bühnenvereins, Klaus Zehelein.

Jenseits der Finanzdebatten beherrschten wichtige Personalentscheidungen die Szene. Zum Ende des Jahres überschattete der Tod Will Quadfliegs das Geschehen.

Weitere Schließungen?

Die Ängste wurden bei einem Aktionstag im Oktober deutlich: „Theaterland wird abgebrannt?”, fragten Intendanten, Regisseure, Schauspieler und Kulturpolitiker. Zwischen Freiburg und Kiel, Aachen und Dresden herrscht Angst vor weiteren Schließungen von Sparten und Häusern - wie etwa in Magdeburg, wo Kammerspiele und Theater der Landeshauptstadt zusammengelegt werden sollen.

Die Häuser sehen sich jedoch am Ende ihrer Möglichkeiten. So sieht es auch Aachens Generalintendant Paul Esterhazy. Der große Erfolg des Theatertreffens NRW, das diesmal in Aachen stattfand, hat allen Mut gemacht.

„Wenn der Eindruck nicht trügt, gibt es inzwischen einen breiten politischen Konsens”, sagt Esterhazy. Im dritten Aachen-Jahr denkt er trotz bedrängender Sparmaßnahmen positiv. „Die Begegnungene mit jungen Zuschauern und mit solchen, die ein Theater nicht mehr betreten haben, nahmen zu. 25 Prozent mehr Besucher, das ist ein Erfolg.”

Auch die bandbreite eines Programms, das von der experimentellen Uraufführung wie Langs „Die Perser” bis zum unterhaltenden Cole-Porter-Musical „Kiss me, Kate” Variationsmöglichkeiten verfügt, habe sich bewährt. „Wir mußten eine schmerzliche Preiserhöhung verkraften.” Jetzt allerdings sei die „Sparschraube” am Anschlag angekommen. „So können wir weiterarbeiten, aber mehr ist nicht möglich.”

Doch nicht nur die Sorge um ihre eigenen Häuser treibt die Theatermacher um. Sie fürchten um den Stellenwert der Kultur in der Gesellschaft generell. „Das Festhalten an Institutionen wie dem Stadttheater ist keine Ideologie”, sagt etwa Zehelein.

„Ohne diese Institutionen, die unser geistiges Erbe pflegen, steuern wir in eine kulturelle Katastrophe. Die Gesellschaft hat keine Zukunft, wenn sie vergisst, wie sie geworden ist”.

Daneben war das Theaterjahr vor allem von Personalien und den zugehörigen Spekulationen bestimmt. Nach langen Querelen muss der Hamburger Schauspielhaus-Intendant Tom Stromberg gehen.

Die Suche nach einem Nachfolger an der größten Sprechbühne Deutschlands hatte sich über Monate hingezogen, bis schließlich im Herbst der Stuttgarter Schauspielintendant Friedrich Schirmer als Leiter bis 2010 feststand.

Nachfolger Hartmanns in Bochum soll der Regisseur und Oberspielleiter am Münchner Residenz-Theater Elmar Goerden werden.Auch bei den Salzburger Festspielen kündigt sich ein Wechsel an.

Schauspielchef Jürgen Flimm übergibt die Stafette mit Ende der Saison 2004 an den aus Kärnten stammenden Regisseur Martin Kusej, der in Salzburg vor allem mit der Inszenierung von Mozart-Opern brillierte.

Als künftiger Leiter der RuhrTriennale will sich Flimm ab 2005 vor allem dem Musiktheater widmen, um dem künftigen Leiter der Ruhrfestspiele Frank Castorf mit dessen Theaterschwerpunkt nicht ins Gehege zu kommen.

RuhrTriennale

Die RuhrTriennale hat sich indessen mit ihrem verstärkten Bemühen um Mischformen zwischen Oper und Theater auf hohem Niveau konsolidiert. Schon im zweiten Jahr nach der Gründung kann Intendant Gérard Mortier auf enormen Publikumszuspruch verweisen.

Allein in der sommerlichen Hauptsaison wurden 60.000 Karten verkauft. Allerdings muss auch Mortier, der nach der kommenden Spielzeit an die Pariser Oper wechselt, zehn Prozent Abstriche am Etat hinnehmen.

In Berlin punktete Frank Castorf mit seiner Bulgakow-Inszenierung „Der Meister und Margarita”, bei den Wiener Festwochen mit seiner Tennessee-Williams-Adaption „Forever Young”.

Sein Berliner Konkurrent Claus Peymann glänzte künstlerisch mit Robert Wilsons Inszenierung von Büchners „Leonce und Lena”, pokerte politisch um eine Vertragsverlängerung und wollte so die angedrohten Etatkürzungen verhindern. Nach langem Tauziehen teilte er im September schließlich mit, doch bis zum regulären Vertragsende im Juli 2007 bleiben zu wollen.