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Heimbach: „Spannungen” in Heimbach umjubelt zu Ende gegangen

Heimbach : „Spannungen” in Heimbach umjubelt zu Ende gegangen

Das Kammermusikfestival „Spannungen” ist am Sonntagabend mit einer umjubelten Aufführung von Dvoráks Klavierquintett op. 81 zu Ende gegangen.

An Höhepunkten mangelte es dem Festival im Jugendstilkraftwerk Heimbach auch im elften Jahr seines Bestehens nicht. Aus der bunten und üppigen Fülle der reich bestückten Programme ragten in der zweiten Festivalhälfte zwei Werke besonders heraus, die fast drei Jahrhunderte voneinander trennen: Als gewichtigster Beitrag zum diesjährigen Themenschwerpunkt Bachs „Goldberg-Variationen” in einer Fassung für Streichtrio. Und die Uraufführung eines Auftragswerks des „Composers in Residence”, Detlev Glanert.

Ohne Extravaganzen

Bearbeitungen Bach´scher Werke für verschiedene Besetzungen gehören zum Konzertalltag. Der Meister selbst ist da mit gutem Beispiel vorangegangen.

Und die Aufsplitterung eines komplexen Klaviersatzes auf drei Streicherstimmen kann zu einer verbesserten Transparenz der Strukturen beitragen.

Das ist Isabelle Faust (Violine), Antoine Tamestit (Viola) und Tanja Tetzlaff (Violoncello) in der vieldiskutierten und recht beliebten Fassung von Dimitri Sitkovetski auch voll gelungen. Vor allem, wenn man ein geradezu asketisch entmaterialisiertes Klangbild ohne Vibrato und emotionale Extravaganzen anstrebt.

Die Stimmverläufe werden wie auf einem Silbertablett serviert, auch der regelmäßige Wechsel von Polonaise, Tanzsatz und Canon wird deutlich. Dennoch wollte sich die letzte Erfüllung nicht einstellen.

Die Übertragung barocker Musizierpraktiken auf moderne Instrumente geht nur teilweise auf. Was dem vibratoarmen Spiel seinerzeit an Intensität verloren ging, glich man auf alten Instrumenten durch einen differenzierten, ausdrucksstarken Bogendruck aus, der mit modernen Bögen so kaum möglich ist.

Eine gewisse Sterilität lässt sich kaum vermeiden, erst recht nicht bei einer Spieldauer von 70 Minuten.

Dass Sitkovetski seine Bearbeitung ausgerechnet dem genialisch-exzentrischen Bach-Beschwörer Glenn Gould widmete, ist im Grunde paradox.

Sie beweist aber auch, selbst in der ambitionierten Interpretation durch die Heimbacher Streicher, dass die „Goldberg-Variationen” mit ihrer unerschöpflichen Interpretationsbreite für den Einzelinterpreten am Klavier bestimmt ist und viel von ihrer persönlich gefärbten Ausdruckskraft im Ensemblespiel verloren geht.

Zwischen Tag und Traum

Solche Probleme stellten sich bei der Uraufführung von Detlev Glanerts Sextett „Noctambule” für Klavier, Klarinette und Streichquartett nicht ein. Der Titel deutet zwar auf die französische Bezeichnung von „Schlafwanderung” hin.

Zwischen Tag und Traum geht es bei Glanert allerdings sehr frisch, spannend und farbig zu. Auch in seinem noch schmalen Kammermusik-Oeuvre kann der gebürtige Hamburger seine Passion für das Musiktheater nicht verleugnen.

Die handwerklich souverän beherrschte Palette an Klangfarben, Stilmitteln und Wirkungen entspricht dem dramatischen Instinkt Glanerts, der sich mittlerweile in sieben Bühnenwerken niederschlug. Am zurückhaltendsten ausgerechnet in seiner vor einigen Wochen in Aachen uraufgeführten Nijinsky-Huldigung.

„Noctambule” ist formal klar strukturiert, emotional bewegt und gehört zum Kurzweiligsten, was von den „Composers in Residence” in den letzten Jahren in Heimbach geliefert wurde. Der Beifall des Publikums blieb nicht aus.

Blickt man auf die gesamte Woche zurück, fällt auf, dass die allabendliche Präsenz der Musik von Bach die chronologische Spannweite der Programme regelmäßig auf 300 Jahre erweiterte, was zu besonders interessanten Reibungen führte, wenn Gamben-Musik mit Gershwin-Songs konfrontiert wird, wenn Bachs BWV 867 mit seinem an ein romantisches Charakterstück erinnerndes Präludium Schuberts später Fantasie für Klavier zu vier Händen D 940 vorgeschaltet wird. Hier gab sich der künstlerische Hausherr Lars Vogt ein erfreuliches Stelldichein mit Kirill Gerstein.

Hervorzuheben ist auch die diesmal besonders starke Präsenz der Bläser. Die Hornistin Marie Luise Neunecker lediglich ins Ensemblespiel von Dvoráks Bläser-Serenade einzubinden, das grenzt an Luxus, unterstreicht aber die These, dass Starkult in Heimbach nichts zu suchen hat.

Besonders starke Impulse gingen, wie schon in den letzten Jahren, von der Klarinettistin Sharon Kam aus, der sich diesmal allerdings mit dem Oboisten Francois Leleux ein nicht minder prägender, bisweilen dominanter Gestalter hinzugesellte.

Die beiden gaben eindeutig den Ton an, wenn es um Bläsermusik ging. Und davon war von Bach bis Glanert eine Menge zu hören.

Das Festival ist im Netz unter http://www.spannungen.de zu finden.