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Aachen: Spannende Begegnungen und jede Menge Applaus

Aachen : Spannende Begegnungen und jede Menge Applaus

Voller Spannung ist eine gleich in mehrfacher Hinsicht heiße Woche zu Ende gegangen: Der Sieger beim NRW-Theatertreffen heißt Roberto Ciulli vom Theater an der Ruhr, Mülheim.

Die Jury entschied sich für seine Shakespeare-Interpretation „Titus Andronicus” als beste Inszenierung. Doch zuvor gingen Che Walkers „Lange her” (Dortmund) und Wilfried Happels „Mordslust” (Bonn) über die Bühne, lauschte man dem Akkordeonisten Manfred Leuchter & Band, die ihre CD „Nomade” vorstellten, sowie den Akteuren des Düsseldorfer Schauspiels bei Elfriede Jelineks „Die Liebhaberinnen”.

Die Uraufführung der „EnervéMonolge” sorgte für einen künstlerisch gelungenen Schlusspunkt.

Ein Wochenende, wie es bunter kaum sein könnte im Zeichen von Bühne und Historie mit Abschluss des 22. NRW-Theatertreffens und Eröffnung der großen Ausstellung „Ex oriente” (siehe folgende Seite).

Zehn Wettbewerbsbeiträge hat sich die Jury (Lektorin Marion Victor, Schriftsteller Lutz Hübner, Gerhard Jörder) angesehen und dann ihre Entscheidung getroffen: Mit Roberto Ciullis Inszenierung der blutrünstigen Tragödie „Titus Andronicus” von William Shakespeare darf die Produktion des Mülheimer Theaters an der Ruhr den „Pokal” mit nach Hause nehmen.

Das in der Publikumsgunst zwischen Klamauk und Offenbarung schwankende Stück in makabrer zirzensischer Bildersprache hat die Juroren durch „anrührende Bildersprache” überzeugt, die der „Gesellschaft den Spiegel vorhält”. Zur besten Nachwuchsdarstellerin wurde Birgit Unterweger gewählt (Theater Dortmund), zur besten Darstellerin Dörte Lyssewski (Schauspielhaus Bochum).

Den Sonderpreis der Jury erhielt das Düsseldorfer Schauspielhaus für die Gesamtleistung der Produktion „Die Liebhaberinnen” von Elfriede Jelinek.

Mit „Nomade” (Luxaries records LC 04994), der umjubelten CD-Präsentation des Aachener Akkordeonisten Manfred Leuchter, begleitet von seinen hochkarätigen Musiker-Kollegen Christoph Titz (Trompete), Steffen Thormälen (Schlagzeug), Antoine Pütz (Bass), Heribert Leuchter (Saxophon), lassen die Organisatoren in Zusammenarbeit mit dem Verein Jazz & More zuvor noch eine weitere Farbe in diesem atemberaubenden Reigen aufleuchten.

Leuchters Kompositionen und die Art, wie er und seine Band den Jazz mit weltmusikalischem Gewürz, mit tiefer Emotionalität und frischer Klarheit aufleben lassen, erreicht die Zuhörer, die selbst bei einem Veranstaltungsbeginn von 22 Uhr das Haus noch bis zum zweiten Rang füllen. Bis nach 1.00 Uhr wird applaudiert, dann fliegen rote Rosen auf die Bühne.

Weniger zärtlich geht es im Mörgens zu, wo man sich mit Che Walkers Stück „Lange her” beschäftigt. Heinz Kreidl hat es am Theater Dortmund inszeniert - Grundthema ist Gewalt.

Ist es deshalb „ein plebejisch, proletarisches Stück”, wie Moderator Heinz Klunker meint? Darsteller, Akteure und Publikum widersprechen. Es sei nicht leicht, dem Trommelfeuer aus Slang und verbalem Auswurf zu folgen, sagen andere, doch man ist durchaus angetan.

Anders bei der Farce „Mordslust” von Wilfried Happel (Schauspiel Bonn) am Samstag an gleicher Stelle. Nur wenige Zuschauer finden nach Ende der Vorstellung noch einmal den Weg zurück zum Publikumsgespräch ins 30 Grad heiße Mörgens.

Die kurze Diskussion hätte man sich dann tatsächlich sparen können, sie leidet unter dem selbstgefälligen Moderator, der sich viel zu wichtig nimmt. Klunker nutzt jede Gelegenheit, um seine eigene positive Einschätzung der Inszenierung zum Besten zu geben, anstatt auf die kritischen Kommentare aus dem Publikum einzugehen, das mit der total überdrehten Horror-Farce offensichtlich nichts anzufangen weiß.

Hier nützen auch die Erläuterungsversuche von Dramaturg Burkhard Nemitz und Regisseurin Katja Wolff nichts, die ganz offen und bedenkenlos zugibt, sich am Kasperletheater orientiert zu haben . . .

Da hat Elfriede Jelineks Stück „Die Liebhaberinnen” schon eine ganz andere Qualität. Das Werk, eigentlich ein dramatischer Prosatext, das Martin Oelbermann für das Düsseldorfer Schauspielhaus in Szene gesetzt hat, wird mit Spannung erwartet, und die Eintrittskarten sind begehrt.

Die vier Frauen und drei Männer sind permanent auf der Bühne und „erzählen” wie der Chor der griechischen Tragödie vom Schicksal der beiden Frauen Brigitte und Paula, die auf der Suche nach Glück und Liebe, nach einem selbstbestimmten und auch im Bezug auf einen Partner erfüllten Dasein kläglich scheitern.

„Das Stück ist 20 Jahre alt, warum wird nichts Neues gespielt?”, fragt eine Zuschauerin im voll besetzten Spiegelfoyer nach der Vorstellung. „Die Probleme sind nicht veraltet, im Gegenteil”, lautet eine andere Meinung.

Oelbermann und Dramaturgin Rita Thiele schildern vom Drahtseilakt dieser Inszenierung, von dramaturgischen Ideen zu Sexualität, Mann-Frau-Beziehung, Triebstrukturen und Ängsten, die Elfriede Jelinek (sie ist übrigens Trägerin des Aachener Walter-Hasenclever-Preises) in großer Offenheit aussprechen lässt.

Geschockt ist niemand, eher berührt. Es gibt das Bedürfnis, diese gesellschaftskritischen Aspekte, die Jelinek in messerscharfer Klarheit seziert, noch ein wenig genauer zu durchleuchten - aber der Moderator macht einfach Schluss.

Nach der sonntäglichen Uraufführung kommt der Abschied - allerdings nicht ohne ein Fest.