Aachen: Spannend: Maxim Gorkis „Wassa Schelesnowa. Eine Mutter“

Aachen: Spannend: Maxim Gorkis „Wassa Schelesnowa. Eine Mutter“

Zuerst wird der Füller zugeschraubt und die Schreibmappe geschlossen, dann strafft sich ihr ohnehin schon sehr gerader Rücken. Wassa Schelesnowa blickt auf, stumm, kühl, die Augen leicht verengt zu einem durchdringenden Blick. Sie ist die Chefin, sie bestimmt — noch.

„Wassa Schelesnowa. Eine Mutter“ ist ein Drama, bei dem Maxim Gorki Kindheitserfahrungen und tiefe Erkenntnisse über gesellschaftliche Prozesse zu einem hintergründigen Stück verarbeitet hat. Die Familie als Keimzelle, das Unternehmen als Prüfstein. Ewa Teilmans hat für ihre Aachener Inszenierung zur Erstfassung des Stücks aus dem Jahr 1910 gegriffen.

Vordergründig droht der Ruin

Es geht um eine Familie und vordergründig um ein mittelständisches Unternehmen, eine Torf- und Ziegelfabrik auf dem Lande, die nach guten Jahren vom Ruin bedroht ist. Doch wo passiert der Ruin wirklich? Ewa Teilmans setzt das Skalpell an und legt in ihrer ausgesprochen genauen und psychologisch ausgefeilten Regie die zerstörerischen Strukturen durch die Entwicklung der Charaktere frei.

Jeder auf dieser Bühne — bis hin zum Hausmädchen Anissaja (Johanna Esser) — ist gefangen in einem Spinnennetz aus Abhängigkeiten, Ängsten, Sehnsüchten, vertuschten Fehlern und egozentrischen Interessen. Risse im System Familie verbinden sich mit den Problemen im Unternehmen — Zerrüttung und Eskalation sind Programm.

Das Bühnenbild von Elisabeth Pedross prägt nicht nur den Ort der Handlung, es ist Spiegel innerer Abläufe. Ein zweigeteilter Raum wird durch zwei Stufen verbunden. Vorn der wuchtige Schreibtisch und ein breites Bett, oben drei hohe Flügeltüren mit Glasornamenten, umrahmt von kleinen und großen Familienfotos, frühen Firmenbildern, Erinnerungen. Die Vorfahren sind allgegenwärtig, eine gediegene bedrückende Umgebung. Leise, bedrängende, russisch angehauchte Musik (Soundmix Ralf Sunderdick) verstärkt dieses Gefühl. Man schaut in ein Zimmerchen. Hier liegt Sachar, Wassas sterbender Ehemann, ergreifend in kleinen Szenen von Ken Bridgen verkörpert.

Obwohl Ewa Teilmans Gorkis Familien- und Gesellschaftsporträt nachzeichnet, gerät sie nicht ins Moralisieren. Lustvoll lässt sie ihre Schauspieler alle Facetten menschlicher Reaktionen und Lebensführung ausleben. Da wird gebrüllt und geprügelt, gibt es Tee in feinen Tassen und jede Menge Wodka.

Elke Borkenstein meistert die Rolle der Wassa mit Bravour. Beherrscht und zugleich verschlagen in allen geschäftlichen Dingen, hat diese Firmenchefin die Zügel fest in der Hand. Die Entwicklung der Figur, die selbst in emotionalen Momenten kalt reagiert, aber nach und nach aufweicht und zerbricht, setzt Borkenstein nachvollziehbar um. Matthias Fuhrmeister ist ein explosiver, lebenshungriger Prochor, Wassas Schwager, der droht, seine Einlagen aus der Firma zu ziehen.

Später wird man ihn zur Strecke bringen, seine Tauben vergiften — Szenen, die unter die Haut gehen. Zunächst schnappt sich Prochor jedoch die blonde Ljudmila, Ehefrau von Wassas Sohn Pawel, die sich an der Seite des weinerlichen Mannes schrecklich langweilt. Luana Bellinghausen zeigt sie als mädchenhafte Frau, die sich immer wieder fortträumt aus dieser Familie. In Pawel (Steffen Weixler) treten alle emotionalen Sünden der Mutter-Kind-Beziehung zutage. Er tobt durch einen Gefühlsdschungel, der ihn fast umbringt. Semjon, sein Bruder, ist da anders. Glatt und leger gibt Simon Rußig diesem lauernden, nur vordergründig vergnügten Sohn Härte, der zusammen mit seiner frömmelnden Frau Natalja (spitzzüngig: Lara Beckmann) auf väterliches Geld aus ist.

Als Einzige läuft Ljudmila in einem luftigen rosafarbenen Kleidchen herum, später in unschuldigem Weiß. In allen Kostümen setzt Sandra Münchow deutliche Zeichen: Wassa im perfekt geschnittenen, langen, hochgeschlossenen Kleid mit weißem Stehkragen, Pawel im ausgeleierten Pulli mit überlangen Ärmeln, die an eine Zwangsjacke denken lassen, die Dienstmädchen, adrett in uniformem Schwarzweiß — man könnte die Liste fortsetzen.

Beeindruckend, wie Nele Swanton als unglückliches Dienstmädchen Lipa, das man einst zum Kindsmord gezwungen hat, sogar das Horchen in ihrer Körperhaltung umsetzt. Stets wachsam ist Dunja, die langjährige Hausangestellte, von Christina Einbrock mit viel Haltung und innerer Anspannung gespielt. Selbst Geschäftsführer Wassiljew, den Rainer Krause grüblerisch und nachdenklich prägt, ist ein Spion. Im familiären Netzwerk bleibt er ein Mitgefangener.

Die Geldgier, das Hoffen auf den baldigen Tod des Firmeninhabers erzwingt eine fatale Gemeinschaft. Als Wassas Tochter Anna anreist, hofft die Mutter, die den Ruin abwenden will, auf Entlastung. Die elegante Frau, der Marie Hacke eine starke Persönlichkeit gibt, steigt sofort ein in Intrigen und Verwicklungen. Schließlich hocken alle in einem hohen Raum aus Ziegelwänden.

Sachar ist tot, nicht Semjon, sondern Wassa erbt, die Familie bricht vollständig auseinander. Wassa stürzt in eine Depression und beginnt zusammen mit Ljudmila Blümchen zu pflanzen. Aber ändern wird sich nichts: Anna, die nun Mutters einzigen Schmuck, den Tresorschlüssel an der langen Kette, um den Hals trägt, lässt sich am Schreibtisch nieder, schreibt, schraubt den Füller zusammen und schließt die Mappe. Alles bleibt, wie es war.

Großer Applaus für eine rundum gelungene, spannende Inszenierung, bei der Ewa Teilmans das Ensemble durch eine Geschichte mit vielen Klippen lenkt.

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