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Aachen: Spannend bis zur allerletzten Sekunde

Aachen : Spannend bis zur allerletzten Sekunde

Phantastisch - der Knüller der Saison: Das Weihnachtsmärchen des Theaters Aachen, „Die verzauberten Brüder” von Jewgeni Schwarz, ist derart gut gelungen, dass man es nicht nur Menschen ab fünf empfehlen kann.

Wer ein paar Jahrzehnte mehr auf dem Buckel hat, wird auch seinen Spaß daran haben. Rund zwanzig Jahre nach der letzten Aufführung des Stücks in Aachen wird eine perfekte szenische Umsetzung auf die Bühne gebracht.

Garant dafür ist das Regie-/ Ausstattungs-Duo Silvana Kraka aus Mannheim und Barbara Schonhardt; beide hatten bereits vor zwei Jahren mit dem „Lebkuchenmann” für ein ausverkauftes Haus gesorgt.

Liebevoll bis ins Detail gestaltet: Kostüme und Bühnenbild. Der Zauberwald, in dem die Hexe Babajaga ihr Unwesen treibt und ausgebüchste Jungs wie Fjodor und Igor in Bäume verwandelt, ist mit dicken, farbenfroh berindeten Stämmen sparsam, effektvoll, phantasieanregend und keineswegs überladen bewachsen.

Da bleibt genügend Platz fürs Spiel, und das hat es wirklich in sich. Was diese muntere Bande an Figuren - Mutter Wassilissa, Sohn Iwanuschka, Bär Mischa, Katze Koschka Murlewaja und Hund Scharik - bei der Suche nach den verzauberten Brüdern so faszinierend anziehend macht, das sind die Spielfreude und das Können der Künstler.

Regisseurin Silvana Kraka konnte alle Rollen ganz gezielt mit freien Schauspielern besetzen, und so ist nun nicht nur jedes der Tiere genial charakterisiert, sondern auch noch mit ganz individuell eigenen lustigen menschlichen Eigenschaften ausgestattet.

Kristin Belda war in einem früheren Leben wahrscheinlich selbst einmal Katze, mit jedem Blick und jeder Geste verströmt sie - und das auch noch durchaus selbstironisch und komisch - den ganzen edlen Stolz dieses kralligen Vierbeiners.

Jens Koch sorgt immer wieder für Lachnummern und erntet Szenenapplaus als gutmütiger Brummbär Mischa, und Ralph Jung gibt seinem strubbeligen Hund einen Ausdruck von „Coolness”, die einem doch sehr stark bekannt vorkommt.

Ulrike Benkelmann als Mutter Wassilissa steuert den Spannungsbogen, der niemals abfällt, immer wieder mit gefühlvollen Einsätzen - oder lustigen Liedern. Der „Tanz der Hühnerbeine” - die schmissig-schöne Musik stammt von Matthias Flake, der pfiffige Text von Silvana Kraka - wird wahrscheinlich der Hit der Saison.

Dann erst die Hexe - von wegen Warze auf der Nase: In ihrem zauberhaft schnittig gestylten Designer-Outfit offenbart sie viel Sinn für exklusive Mode im Wald. Beate Schulz sieht prächtig darin aus und verkörpert Eitelkeit, List und Tücke, Gehässigkeit und schaurige Bosheit mit unter die Haut gehender Intensität. Die geretteten Brüder spielen Natalie Hünig und Leonard Schnittmann, den Helden Iwanuschka ein herrlicher Peter Sikorski.

Und dann sind da noch einige lustige kleine Mäuse (über die hier nichts weiter verraten werden soll), die allen helfen, die so spannend inszenierte, runde Handlung des russischen Autors erfolgreich zu Ende zu bringen und die Hexe in ihrer Eierwohnung zu überlisten. Gemeinsam - denn das ist der sympathische Witz an der Geschichte.

Das Premierenpublikum verlor in den knapp zwei Stunden (inklusive Pause) von der ersten bis zur letzten Sekunde nicht einmal die Aufmerksamkeit - und das will schließlich etwas heißen bei Fünf- und Sechsjährigen. Zwischendurch gaben sie immer wieder lautstark strategische Anweisungen an Bär, Katze und Co. - kein Wunder, dass solch tolles Theater nicht ohne Zugabe ausgehen kann.