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Aachen: Spagat zwischen Anpassung und Selbstverwirklichung

Aachen : Spagat zwischen Anpassung und Selbstverwirklichung

Der Liederabend „KomponistInnen Leben” in der Klangbrücke im Alten Kurhaus gehörte ausschließlich den Frauen und war dennoch kein feministischer Abend.

Denn es ging der Sopranistin Maria Regina Heyne, der Flötistin Susanne Schrage und der Pianistin Ina Otte nicht um die attackierende Trennung der Geschlechter, sondern um die Entdeckung von Frauentypen, die sich in der eher männlich geprägten Musikwelt der letzten vier Jahrhunderte zu behaupten wussten, ihr Talent pflegten und den Spagat zwischen Anpassung und Selbstverwirklichung meisterten.

Der Zuschauer wird in dem kurzweiligen Programm, durch das die Musikerinnen mit Begleit-Texten und Biografien charmant und witzig führen, immer wieder abgeholt in klassisch gängigen Harmoniewelten, wie mit Hildegard von Bingens „Ave Maria”, Elisabeth Jacquet de la Guerres Kantate „Semelé” aus dem 17. Jahrhundert oder den Goethe- und Heine-Vertonungen von Fanny Hensel-Mendelssohn.

Von hier aus gelingt eine spannungsreiche Brücke zwischen Bekanntem und Neuem. Das Concerto en Sol von Claude Arrieu (1903- 1990) für Flöte und Klavier bezaubert durch Stimmungsbilder von sorgloser Leichtigkeit, nachdenklichen Fragen und dialogartigem Schlagabtausch. Betsy Jolas Soloflöten-„Fantasie pour Léo” beruhigt das Publikum nach der Pause.

Jacqueline Fontyns „Galgenlieder” nach Christian Morgenstern, ein Spezialarrangement für das Aachener Konzert, verblüffen durch ihre Sprache von Lautlosigkeit, Einzeltönen und Rhythmusgebilden. Für Ursula Wawroschek, vielen Kleinkunstliebhabern bekannt als die rückenfreie Pianistin der Kabarettgruppe „Die Fleddermäuse”, sind sprachliche Dramaturgie und Musikcharakter eine untrennbare, sich gegenseitig bedingende Einheit in Witz, Sarkasmus und Traurigkeit.

Goethes Klassiker „Kennst du das Land” provoziert in Wawroscheks Liedfassung Gänsehaut, und die Uraufführungen „Einer Mutter Herz”, „Wort und Widerwort” und „Aufrüttelnde Botschaft” nach Gedichten von Robert Gernhardt entpuppen sich als demaskierende wie sensible Kleinod-Momentaufnahmen. Feminine Selbstironie kommt ebenfalls nicht zu kurz.

Heike Beckmann, Komponistin, Sängerin, Kabarettistin und Dichterin, lässt das Damentrio in der an diesem Abend uraufgeführten musikalischen Satire „Frau von heute” die weiblichen Selbstverwirklichungsversuche pointiert demontieren. Dazu präsentiert sie einen bunten Stilmix aus Chanson und Kunstlied, Modernismen und klassischen Elementen und zeichnet bissig den Frauentypus, der im Emanzipationsdilemma stets „unabhängig abhängig” stecken bleibt.

Neben der Attraktivität des Programms beeindrucken die drei Solistinnen durch ihre natürliche Virtuosität. Maria Regina Heynes Sopran blüht mit Kern, Leichtigkeit und Wärme, und ihr darstellerisches Talent lässt Erinnerungen an wunderschöne Opernaufführungen mit der Aachener Sängerin wach werden.

Viel Applaus

Das Querflötenspiel von Piccolo- bis Kontrabass-Flöte meistert Susanne Schrage mit freudigem Engagement und ausgefeilter Technik, und Ina Otte gestaltet ihre Klavierparts sowohl akzentreich selbstbewusst als auch elegant rücksichtsvoll begleitend. Komponieren Frauen tatsächlich anders als Männer? Ja, spätestens nach diesem Abend weiß man, dass das so ist. Das gefiel nicht nur den anwesenden Frauen. Großer Applaus beider Geschlechter für ein gelungenes Programm.