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Gelesen: „Sophies Tagebuch“ von Nicolas Remin

Gelesen : „Sophies Tagebuch“ von Nicolas Remin

Zwei Frauen, zwei Lebensgeschichten, zwei historisch bedeutende Zeiten: So lassen sich kurz die zwei Handlungsstränge des Romans „Sophies Tagebuch“, des siebten Werkes von Nicolas Remin (bekannt durch die „Commissario Tron“-Reihe), beschreiben.

Die Protagonistin der einen Geschichte, die zur Zeit des Mauerfalls in Berlin spielt, ist Erika zur Linde, die der anderen ihre Mutter Sophie, die zu Beginn des Zweiten Weltkrieges 19 Jahre alt ist.

Nachdem ihr Vater Ulrich im hohen Alter überraschend Selbstmord begeht, findet die in West-Berlin lebende Erika im Nachlass die Tagebücher der längst verstorbenen Mutter Sophie. Um Erika herum wächst der Druck der DDR-Bevölkerung, die mehr Freiheit fordert, Massenkundgebungen sind an der Tagesordnung. Doch Erika lebt wie in einem Paralleluniversum, sie ist vom Tod des Vaters gelähmt und von den niedergeschriebenen Offenbarungen der Mutter gefesselt.

Mehr und mehr taucht sie in die völlig naive Welt ihrer damals jungen Mutter ein, die sich statt Sorgen um die politischen Ereignisse ihrer Gegenwart eher Gedanken über Mode und ihr Aussehen und insbesondere über die Zuneigung eines jüdischen Schulfreundes ihres Ehemannes namens Felix Auerbach machte. Während Ulrich als Offizier in den Krieg musste, hielt Sophie Auerbach bei sich versteckt. Dabei geriet die Welt der jungen Frau ins Wanken.

An beiden Frauen perlen die gesellschaftlich-politischen Veränderungen, die direkt vor ihrer Haustüre passieren, völlig ab, insbesondere Sophie reagiert auf erschütternde Ereignisse wie den Tod ihrer Eltern seltsam unemotional. Neben den detaillierten Eintragungen der Mutter bereitet auch ein Brief aus Amerika Erika zur Linde schlaflose Nächte, Absender ist ein Neffe des mysteriösen Felix Auerbach.

Nach und nach fügen sich die Puzzleteilchen dieser ineinander greifenden Stränge zusammen, auch wenn manche Entwicklung durchaus vorhersehbar ist. Trotzdem birgt der lesenswerte Roman auch einige Überraschungen und Wendungen, und die Geschichte, die im Hintergrund 1939 als auch 50 Jahre später 1989 be- und geschrieben wird, ist natürlich immer ergreifend. (kro)