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Aachen: So war das '68. Und darauf ist sie stolz.

Aachen : So war das '68. Und darauf ist sie stolz.

Gretchen Dutschke wird nicht nur immer Gretchen genannt, sondern sie heißt tatsächlich so, denn Gretchen ist in den USA ein ganz normaler Vorname wie Nancy oder Catherine und keine Verniedlichung. Gretchen passt gut zu ihr, weil sie in einem Maße zurückhaltend und unprätentiös ist, wie es nur ganz selten unter jenen anzutreffen ist, die sich an den Umgang mit Medien haben gewöhnen müssen.

Gretchen Klotz, wie sie damals noch hieß, war 21 Jahre alt und hatte in den USA schon Philosophie und Theologie studiert, als sie 1964 nach Deutschland kam und in einem Berliner Café Rudi Dutschke, den berühmtesten Repräsentanten der deutschen 68er-Studentenbewegung, kennenlernte. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, schreibt Gretchen Dutschke in ihrem Buch „1968 — Worauf wir stolz sein dürfen“. In Aachen erzählte sie jetzt von damals und sprach mit unserem Redakteur Peter Pappert.

dutschkemja5 26.07.2018 Gretchen Dutschke. Foto: Jaspers

Sie sind 1964 zum Studium nach Berlin gekommen und nennen als Grund dafür in Ihrem Buch den Wunsch, Immanuel Kant auf Deutsch lesen zu lernen. Das ist ein anspruchsvolles Motiv.

Gretchen Dutschke: Ich hatte in den USA meinen Bachelor in Philosophie gemacht und wollte promovieren. Da musste man schon Kant lesen; das war jedenfalls meine Überzeugung.

Die meisten Deutschen verbinden mit Kant den berühmten Kategorischen Imperativ: „Handle so, dass die Maxime Deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.“ Ist das für Sie eine Lebensmaxime?

Dutschke: Ja — warum nicht? Als ich damals kam, hatte ich darüber noch nicht nachgedacht. Aber es klingt ganz gut.

Sie schreiben, Sie seien kein deutsches 68er-Kind gewesen. Sie waren ein amerikanisches? Wo liegen die Unterschiede zwischen beiden?

Dutschke: Die Auseinandersetzung mit der faschistischen Nazi-Vergangenheit war für Deutschland prägend. In den USA war eher der Widerstand gegen die Hexenjagd von Joseph McCarthy auf angebliche oder tatsächliche Kommunisten bestimmend; es war damals in den USA eine sehr schlimme konformistische Atmosphäre.

Als Sie in Berlin dann auf Rudi Dutschke trafen, lernten Sie einen Mann kennen, der mit der Revolution verheiratet war. Wie schwer ist es für eine Freundin und sehr schnell Ehefrau, als Dritte in dieser Revolutionsehe zu bestehen?

Dutschke: Ich fand ihn faszinierend. Ich war einfach neugierig und hatte so etwas noch nicht erlebt. Rudi war zu allen ein sehr freundlicher Mensch. Das hat mir einfach gefallen; ich wollte von ihm lernen und hatte überhaupt nicht das Gefühl, dass die Revolution meine Rivalin war.

Es war also keine ménage à trois?

Dutschke: Vielleicht war es das. Aber ich habe es nicht so empfunden.

Was vor allem hat Rudi Dutschke motiviert: das Entsetzen über die damals weitgehend totgeschwiegenen Nazi-Verbrechen oder revolutionärer Idealismus oder „christlich geprägte Nächstenliebe“?

Dutschke: Ja, diese drei Elemente haben ihn schon sehr stark bewegt. Er hat sich sehr früh für die Situation der Menschen in der Dritten Welt — vor allem in Afrika — interessiert. Die Ausbeutung der Dritten Welt war ihm ein Gräuel; die Befreiungsbewegungen dort waren ihm sehr wichtig.

War Ihr Mann gläubig?

Dutschke: Er hat fest daran geglaubt, dass man nach dem Vorbild Jesu die Menschen lieben soll. Jesus war für ihn der Inbegriff der Liebe. Dem wollte er nacheifern. Ob er sich viele Gedanken über Gott gemacht hat? Ich glaube, das war nicht die große Frage für ihn.

Ihr Mann ist schnell zum Gesicht des 68er Aufstands geworden, zu dem Studentenführer. Hat er das angestrebt, oder hat es sich — wie auch immer — so ergeben?

Dutschke: Es hat sich ergeben. Er hat das nicht angestrebt, war sogar eher überrascht, dass es sich so entwickelt hat. Er wollte auf keinen Fall Hierarchien, sondern gleiche Verantwortung für alle. Als es sich immer mehr auf ihn konzentrierte, hat er öfter darüber gesprochen, dass wir weggehen sollten.

Weg aus Berlin?

Dutschke: Ja.

Das heißt: Er wollte nicht Anführer sein?

Dutschke: Es hatte zwei Seiten. Er sah schon die Chance, Menschen von seinen Ideen zu überzeugen. Andererseits war ihm die Führungsrolle persönlich unangenehm.

Wenn er diese Rolle nicht angestrebt hat, wie ist es dazu gekommen?

Dutschke: Er konnte sehr gut reden. Manches war etwas merkwürdig und nur schwer zu verstehen; da musste man intellektuell schon ein bisschen arbeiten. Er war ein ernster Mensch und nahm die Sache ernst. Er hatte bestimmt nicht die Absicht, sich hervorzutun. Seine Menschenliebe hat schon viele beeindruckt.

Auch heute noch tragen junge Leute T-Shirts mit dem Porträt von Che Guevara. Warum tragen sie keine mit dem Bild von Rudi Dutschke?

Dutschke: Ich weiß es nicht. Es ist eigenartig. Schade.

Wie haben Sie damit gelebt, dass Ihr Mann zu einem Objekt des Hasses einflussreicher Medien und vieler Menschen hierzulande wurde?

Dutschke: Als es 1967/68 sehr schlimm wurde, habe ich schon Angst gehabt. Rudi hatte keine Angst. Er glaubte nicht, dass es gefährlich ist.

Änderte sich das, als Anfang 1968 Ihr erstes Kind auf die Welt kam?

Dutschke: Er ist ängstlicher um mich und das Kind geworden, aber nicht seinetwegen.

Dabei wurde er ständig bedroht und angegriffen. Sie schreiben in Ihrem Buch von einer Demonstration gegen den SDS, zu der der Regierende Bürgermeister und der DGB die „anständigen Berliner“ aufgerufen hatten. Die „Bild“-Zeitung habe vorab geschrieben: „Man darf auch nicht die ganze Drecksarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen.“ Es gab Transparente mit der Aufschrift „Volksfeind Nr. 1 Rudi Dutschke“. Bei dieser Demo wurde ein Mann irrtümlich für Rudi Dutschke gehalten und von einem aufgebrachten Mob fast totgeschlagen; ein Polizist konnte ihn im letzten Moment in Sicherheit bringen.

Dutschke: Ja, Rudi war zu dem Zeitpunkt gar nicht in Berlin, sondern in den Niederlanden. Ich rief den Flughafen in Amsterdam an, ließ ihn ausrufen und sagte ihm, er solle dort bleiben. Ich wollte mit unserem Kind zu ihm fliegen. Er lachte. „Das ist übertrieben“, sagte er. „Ich habe keine Angst.“

Haben Sie viel Hilfe bekommen?

Dutschke: Als es schlimm wurde, mussten wir mehrmals umziehen. Da haben uns Leute mehrmals Wohnungen angeboten. Nach dem Attentat am 11. April 1968 haben wir viel Hilfe bekommen. Zahllose Menschen haben uns Geld geschickt — mal fünf, mal zehn D-Mark. Aber es waren so viele, das wir eine Zeit lang davon leben und Rudis Rehabilitation finanzieren konnten. Rudi musste nach dem Anschlag und den schweren Verletzungen alles wieder neu lernen. Unser Freund Thomas Ehleiter gab seinen Job als Psychologe auf, um sich ausschließlich um Rudi kümmern zu können.

Hat sich nach dem Attentat für Sie und Ihren Mann die Frage gestellt: War es das wert?

Dutschke: Nein, die Frage habe ich mir nicht gestellt. Rudi sollte wieder gesund werden; das war mein Hauptgedanke. Nachdem sich sein Zustand allmählich gebessert hatte, engagierte Rudi sich auch wieder. Er hat nicht resigniert, obwohl es für ihn sehr schlimm war zu sehen, wie die Bewegung ausein-anderfiel und Teile von ihr in Gewalt und Terror abglitten.

Wie weit war Rudi Dutschke bereit, bei revolutionärer Agitation Gewalt in Kauf zu nehmen? Wie radikal war Ihr Mann?

Dutschke: Er war bereit, Regeln zu verletzen. Er hätte auch Beschädigungen von Sachen in Kauf genommen. Aber dass irgendwie Menschen zu Schaden kommen, das war für ihn ein absolutes Tabu. Das hat er vollkommen abgelehnt.

Teile der Protestierenden sind in den Terrorismus abgeglitten. Hat die Rote-Armee-Fraktion die 68er-Bewegung diskreditiert?

Dutschke: Ja, denn es wandelte sich ja tatsächlich etwas. Die gesellschaftliche Unterstützung für die 68er wurde breiter. Aber der tödliche Terror hat dann die Ideale einer besseren Gesellschaft schon beschädigt — gerade auch die antiautoritäre Idee.

War die deutsche 68er-Bewegung vor allem motiviert durch das Leugnen und Beschweigen der vielen deutschen Verbrechen in der Nazizeit?

Dutschke: Ja — auf jeden Fall. Die 68er wussten nicht, was ihre Eltern gemacht hatten. Sie wollten das Schweigen brechen. Das hat die Bewegung in Gang gesetzt. Dann kamen weitere Motive hinzu: Vietnamkrieg, autoritäre Strukturen, die Notstandsgesetze.

Die Emanzipation der Frauen war aber kein Motiv; das beschreiben Sie sehr offen. Haben Sie das damals schon — im Gegensatz zu den revolutionären Männern — als Problem erkannt?

Dutschke: Ich habe es erkannt, zumal die USA in dieser Frage schon sehr viel weiter waren als Deutschland. Die Frauen hatten dort mehr Rechte, mussten zum Beispiel nicht wie hier in Deutschland noch bis in die 70er Jahre ihren Ehemann um Erlaubnis fragen, ob sie einen Beruf ausüben dürfen. Im SDS wollten die Männer bestimmen; das war gar keine Frage.

Sie haben unter den Protagonisten der Kommune 1 regelrecht gelitten.

Dutschke: Das war vor allem Dieter Kunzelmann, der sich wie ein Pascha aufführte und sogar seine beiden Freundinnen auf Rudi ansetzte, um ihn zu verführen und uns aus-einanderzubringen.

Sie haben 1966 geheiratet. Mussten Sie Rudi Dutschke dazu überreden?

Dutschke: Nein. Wir haben darüber geredet und aufgelistet, was für und was gegen Heirat sprach. Das Pro überwog.

„Die drei Jahre zwischen 1966 und 1969 verliefen wie im Rausch, mal strahlend hell, mal im tiefsten Dunkel, euphorisch und verzweifelt, fast wie im Kino. Nur mit dem Unterschied, dass wir keine Zuschauer waren, sondern Akteure, mittendrin. Die Zeit hat uns geprägt, und wir haben die Zeit geprägt. Das gilt bis heute. Darauf können wir und all die Millionen Menschen in Deutschland, die etwas von dem damals Erreichten verstanden haben und ihr Leben frei, bewusst, auch kritisch gestalten und sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzen, stolz sein, stolz auf dieses Land — Deutschland.“ So haben Sie es am Ende Ihres Buches formuliert. Das klingt sehr optimistisch.

Dutschke: Ja. So sehe ich das.

„Stolz sein auf Deutschland“: Wen wollen Sie damit provozieren — alte Linke, die Ihr Fazit nicht nachvollziehen können, oder neue Rechte, die diesen Stolz für sich reklamieren?

Dutschke: Beide.