Aachen: So vital hat man „Figaro” lange nicht erlebt

Aachen: So vital hat man „Figaro” lange nicht erlebt

Das Revolutionäre an Mozarts „Figaro”, jene von Humanismus durchtränkte Anarchie, vernebelt in der Distanz der Jahrhunderte nur allzu leicht. Wir Heutigen wollen schöne Stimmen genießen, uns am Drunter und Drüber auf der Bühne amüsieren und auch was Lustiges für die Augen haben.

Dabei hat das Stück schon eine Menge durchgemacht. Am Theater Aachen ist nun der ehemalige Schauspieldirektor des Hauses, Michael Helle, mit der Regie der Opera buffa betraut worden, mit seinem Stamm-Ausstatter Dieter Klaß. Beide alte Theater-Hasen, die sich nicht von Moden oder Erwartungen beirren ließen, sondern der Oper, der Musik, den Figuren ins Herz schauen. Dass sie sparsam zu Werk gehen, aber sinnenfroh und musikalisch, macht die Inszenierung zu einer kleinen Sensation. Das Premierenpublikum jubelt geradezu, zum Schluss gibt es Standing Ovations.

Im Graben funkelt es zur Ouvertüre bereits wie entfesselt. Marcus Bosch treibt sein Sinfonieorchester zu hohem Tempo, schlanker, blitzender Tongebung und serviert die Sforzati, dass einem die Ohren sausen. Zuvor schon bevölkert sich die kahle Bühne - ein Prospekt aus vier Kassettentüren, die in rechtwinklig verspringende weiße Wände eingelassen sind - mit Personal. Die Herren in Anzug und Krawatte, die Damen in Schwarz, meist mit weißer Schürze.

Man hat schlichte Kiefernstühle mitgebracht und postiert sich wie zur Familienaufstellung. Das Bild zeigt die Protagonisten der folgenden Handlung und wird zum Schlussakkord so ähnlich wieder zustande kommen. Nach der Ouvertüre verschwinden alle - bis auf Susanna und Figaro. Die Stühle bleiben. Helle lässt seinen Akteuren also ganz viel Raum zum Spielen. Und das ist schlau.

Denn ganz natürlich entstehen hier die rührenden Geschichten, die von Liebe und Sehnsucht handeln, typisch weibliches und männliches Gehabe genüsslich aufspießen, durch den Wolf der Verwicklungen und Intrigen drehen und am Schluss in eine Aura von Verzeihung, vielleicht Erlösung münden. Nun handelt da Pontes/Beaumarchais’ „Figaro” auch von Grafen und Bediensteten, sprich: Hierarchien. Aber Klassenkampf interessiert die Regie kein bisschen.

Drum sind alle Männer gleich gekleidet, auch alle Frauen sind kurzhaarig blond, bis auf die rothaarige Gräfin. Die trägt auch keine weiße Schürze wie ihre Zofe Susanna und alle anderen. Nein, Helle geht’s um Sex, will sagen: die Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Und das ist einfach wunderbar.
Nur in theatralen Sternstunden finden musikalischer Affekt und Ausdruck auf der Bühne in einer Form zusammen, die man „wahr” nennen könnte - im Aachener „Figaro” blickt man ganz oft und ganz tief hinein ins Herz der Figuren.

Gerade die Gräfin, jenes ganz und gar nicht lebensunlustige Wesen an des Schürzenjägers Seite, lebt und leidet in Aachen Herzensqualen, wie sie nachvollziehbarer nicht sein könnten. Sie ersehnt sich ihren Grafen trotz seiner Susanna-Eskapaden ganz herzlich, selbst wenn sie - in wunderbar egalitärer Schwesternschaft mit ihrer Zofe - dem Reiz des androgynen Cherubino verfällt.

Katharina Hagopian singt die Hausherrin ganz delikat und edel timbriert, ihre Mimik fesselt unentwegt. Ganz unverstellt hell und rein legt die kokette Jelena Rakic die Susanna an. Und Astrid Pyttlik füllt die (Unter-)Hosenrolle des Cherubino ebenfalls ganz allzumenschlich. Mozarts so delikate Schlichtheit ist beim gesamten Ensemble in besten Kehlen.

Nur für den Figaro ist Shadi Torbey als Gast engagiert, dessen Bariton eine äußerst kantable Tiefe und durchweg freundliche Parlando-Register zeigt. Hrólfur Saemundsson als Graf lässt ebenfalls kaum Wünsche offen: Sein Bariton kann betören, poltern, glänzen, seine Augen können sich verzehren nach der Gattin, auch wenn sie meist an anderen Röcken hängen.

Die vertrackten Ensembles schnurren in edler Ausgewogenheit, der Opernchor ist aufmerksam und spielfreudig.
Und weil das Bühnengeschehen so nachvollziehbar ist, sitzen die Pointen wie von selbst. Selten nur peppt Klamauk die Szene auf, etwa wenn beim Chor der Dienstmädchen (sämtlich Susanna-Kopien) sich die Folgen gräflicher Zudringlichkeit gleich reihenweise deutlich unter den Schürzen wölben.

Dass fürs Schlussbild ein riesiger Holzstamm aus dem Bühnenhimmel segelt, ist ein grober Klotz im ansonsten feinen Bühnenkonzept. Doch da ist der Kampf um die Gunst des Publikums längst gewonnen. So flüssig, so vital und amüsant, so wahr hat man den „Figaro” lange nicht erlebt.

Weitere Vorstellungen: 10., 17., 21., 25. und 30. Dezember; 7., 20. und 27. Januar; 9. Februar; 4., 11., 18. und 22. März; 14. April.

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