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Aachen: Slapstick-Revue am Rande des Abgrunds

Aachen : Slapstick-Revue am Rande des Abgrunds

Am Ende war es ein netter Premieren-Abend: Man konnte ab und an lachen, und es gab auch was zum Nachdenken. Die anderthalb Stunden vergingen zügig, zum Schluss gab es kräftigen Applaus, vor allem für die beiden Hauptdarsteller.

Und doch blieb Julia Afifis Inszenierung von Samuel Becketts „Endspiel” am Theater Aachen seltsam blass. Das Stück selbst ist ein rasanter Ritt am Rande des Abgrunds, ein poetisches Spiel mit dem sinnentleerten Nichts und den Regeln des Theaters, ein ironiesattes Suhlen im Weltelend. Afifi hat daraus eine Slapstick-Revue gemacht, die ihre Kraft vor allem aus der Textvorlage bezieht, der es jedoch an inszenatorischer Tiefenschärfe mangelt. Deshalb laufen die clownesken Elemente Gefahr, wirkungslos zu verpuffen.

Eine quadratische Rampe (das Schachbrett für das Endspiel?) auf der Vorbühne, dahinter der eiserne Vorhang mit roter Alarmleuchte und Leiter, auf der Rampe ein abenteuerlich zusammengeschustertes Rollstuhl, der nicht rollen kann, rundherum ein Haufen Zivilisationsmüll (Bühnenbild: Malve Lippmann). Im Stuhl festgeschnallt der blinde Hamm, die verstümmelte Kreatur, deren Kopf anfangs in einem Karton steckt und die sich dem Publikum mit ausgiebigem Gähnen vorstellt: „Ich bin dran. Jetzt spiele ich!”

Mit seiner Deppen-Frisur und der Glasbaustein-Brille erinnert Markus Haase fatal an Diether Krebs in seinen plattesten Comedy-Rollen - was der Figur, hat sich dieser Gedanke einmal festgesetzt, nicht unbedingt zugute kommt. Sebastian Stert gibt den Diener Clov („Ende, es ist zu Ende, es geht zu Ende, es geht vielleicht zu Ende”) als grimassierenden, schlurfenden Buster-Keaton-Verschnitt mit gelben Gummihandschuhen und in grauen Mega-Unterhosen (Kostüme: Sigrid Brüninghoff).

Man kann sich diesen Hamm und diesen Clov als altes Ehepaar vorstellen, das sich hasst und doch (deshalb?) aufeinander angewiesen ist; ergo: nicht voneinander lassen kann. Haase und Stert leben das mit Spaß an der Groteske aus. Hamm windet sich im Stuhl, badet in Selbstmitleid, knechtet mit Wonne den Diener und die Eltern, die im Untergrund hausen (zwei gerade noch lebende Leichen: Rainer Krause und Elisabeth Ebeling). Clov stolpert gerne an der immer gleichen Stelle und ergeht sich in der Erfüllung sinnloser Befehle, ohne sich aus den Stricken lösen zu können (wollen?)

Die letzten Menschen also auf einer verwüsteten Welt. So weit, so Beckett. Afifi allerdings, und das ist das große Manko ihrer Inszenierung, gelingt es nicht, dem strengen, fast mathematischen Aufbau des Stücks und dem Theaterspiel im Theaterspiel eine Form zu geben, auch wenn sie am Ende zum Anfang zurückkehrt und Hamm seinen Eingangsmonolog wiederholen lässt. Das ist ambitioniert, aber letztlich fast belanglos.

Wie gesagt: kräftiger Applaus des im Schnitt bemerkenswert jungen Publikums.