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Aachen: Slapstick-Profi Shiner ist neuer Roncalli-Star

Aachen : Slapstick-Profi Shiner ist neuer Roncalli-Star

Nicht nur die Hautevolee schätzt das Ritual. Zwischen Karlspreis und dem Orden wider den tierischen Ernst wird die Roncalli-Premiere in Aachen beehrt.

Mehr als 1400 Premierengäste begrüßt Circus-Direktor Bernhard Paul am Dienstagabend im proppenvollen Gala-Zelt - „Willkommen im Teatro Paradiso”.

Clowns und Komiker „ganz ohne Praxisgebühren” kündigt der Maestro verschmitzt an - und Logengast Ulla Schmidt freut sich augenscheinlich über den warmen Applaus, auch wenn Oberbürgermeister Jürgen Linden und die Höhner im Anschluss ungleich heftiger bejubelt werden. Letztere hatten 2003 mit ihrer „Höhner Rockin Roncalli Show” ein furioses Spektakel abgeliefert, das - wenn überhaupt - nur schwer zu übertreffen ist. Aber das 100-köpfige Roncalli-Team gibt sich im 28. Circus-Jahr über zweieinhalb Stunden alle Mühe: Hinreißende Glanzpunkte setzen vor allem Komiker David Shiner, das Trapez-Duo Milany und die vier Moskauer „Rokashkovs”.

Eifersuchtsdrama mit vier Statisten

Als Top-Pantomime Shiner im rasanten zweiten Teil der Show mit vier Statisten aus dem Publikum ein tödliches Eifersuchtsdrama nachstellt, brechen alle Dämme. Die Zuschauer johlen, jubeln und jagen jeder Pointe nach - so umwerfend komisch agiert der Slapstick-Spezialist. Der Amerikaner ist der unbestrittene Star des Abends. Lustig wie immer: Roncalli-Boss Paul als Clown Zippo in einem Sketch mit Petit Gougou und Sandro.

Neben Comedy lebt die tierfreie Roncalli-Tradition von Akrobatik und Poesie. Beides verknüpft das Duo Milano unter der Zirkus-Kuppel am Doppel-Trapez. Spektakulär katapultiert sich das Pärchen durch die Luft - um im nächsten Moment romantisch verwunden zu verharren. Dann schnulzt die neunköpfige Live-Band italienische Schlager, und Jaqueline Alvarez mimt die starke Frau - buchstäblich. Über Minuten stemmt sie ihren zierlichen Körper nur über Armkräfte in alle Richtungen. Hier harmonieren Bewegung, Musik und Licht perfekt.

Geturnte Kurzgeschichte

Im dramatischen Finale fasziniert das Quartett „Rokashkovs” mit einer geturnten Kurzgeschichte. In einem Würfel aus Trapez-Stangen werben drei Machos um eine Dame im geblümten Kleidchen. Wild wirbeln die Artisten - teils gleichzeitig - rund um den Käfig, verfolgen einander, kreisen gegeneinander. Artistisch meisterhaft, ausdrucksstark und genial choreographiert präsentiert sich die Truppe. Sie erntet zu Recht den längsten Beifall.

17 Nummern - inklusive Tanz-Intermezzi - reiht Roncalli im „Teatro Paradiso” aneinander: darunter der golden getünchte „Eric” per Handstand-„Adagio”, eine Schleuderbrett-Comedy, die Jongleur-Familie „Ramon Rodriguez Ramieres”, die „Curatola Brothers” mit einer Hand-auf-Hand-Performance und eine hübsche Antipoden-Nummer von Vanessa Rodriguez. Einige Längen der Inszenierung kaschiert der legendäre Charme des Circus Roncalli. So strahlt Bernhard Paul nach der Premiere so glücklich wie sein Publikum: „Jetzt lassen wir das mal drei Tage sacken, dann arbeiten wir am Timing einiger Nummern.” Auch das gilt unter Könnern als lieb gewonnenes Ritual.