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Düsseldorf: Sklaven im Spiel um Sex, Macht und Moneten

Düsseldorf : Sklaven im Spiel um Sex, Macht und Moneten

Zu einem geheimnisvollen Nostalgie-Trip verführt „Das Mädchen Rosemarie” das Publikum im Düsseldorfer Club des Capitols - frech, frivol und fatal.

Rund 400 Zuschauer beklatschten am Mittwochabend artig die Weltpremiere des Musicals um die tödliche Lebensgeschichte der Frankfurter Prostituierten Nitribitt.

Broadway-Star Anna Montanaro verkörpert die Edel-Hure souverän. Sie gleicht dem 1957 ermordeten Original frappierend und darf dank beispielloser Bühnenpräsenz auf Musical-typisch überzeichnete Gestik verzichten: ein lasziv-erotischer Augenaufschlag, ein Schmollmund, ein gezischtes „Leck mich” - das füllt die Rolle zwischen Wirtschaftswunder-Arroganz und dem roten Mief der Milieu-Vergangenheit.

Aufstieg und Fall der schillernden Lebedame bringt Autor und Regisseur Dirk Witthuhn nach dem Motiven des Romans von Erich Kuby auf die Rampe. Pointiert beleuchtet er dabei weniger den so naiven wie berechnenden Charakter der Nitribitt als die moralischen Abgründe des Jetsets der 50er.

Besonders die Ensemble-Szenen geizen weder mit schlüpfrigen Texten noch mit parodistischem Augenzwinkern: „Zaubermaus aus Trizonesien”, „Herrenreiterei”, „Baby Doll” und „Herz aus Eisen und Eis” entlarven Aufsteiger wie Opfer der Story als Sklaven des Spiels um Sex, Macht und Moneten.

Wenn die Nitribitt reihenweise biedere Netzstrumpf-Fans und Wollwäsche-Träger ranlässt, wirds dagegen fast komödiantisch - die Zuschauer amüsieren sich prächtig. Karin Kern - hier bekannt aus „Casablanca” im Aachener Grenzland Theater - brilliert als überdrehte Sekretärin Berta Endrikat.

Und auch die übrigen Nebendarsteller überzeugen: etwa Norbert Lamla als Nitribitts dicklicher Freier Alfons Bruster mit der melancholischen Gänsehaut-Ballade „Kalte Wände” und Tom Zahner als windig-winziger Geldgeber Bernhard Schmitt mit dem glockenklaren „Pas de deux der Macht”.

In den Dialog-Szenen wirken die Akteure zuweilen etwas verloren, weil das Bühnenbild die schummrigen Reize des kleinen Clubs im Capitol - mit Bistro-Tischen und Sternenhimmel - atmosphärisch kaum nutzt. Nicht mal die kleine Drehbühne mit großen Projektionssegeln kann die laue Kulisse retten.

Die Songs der zweistündigen Zeitreise, die im zweiten Akt deutlich an Fahrt zulegt, sind gefällig: Komponist Heribert Feckler bediente sich unbeschwerter Rhythmik der 30er und 50er Jahre, baute ein paar Chanson- und Rock-Elemente ein - vieles groovt mit der fünfköpfigen Live-Band erdig, anderes tröpfelt einfach dahin.

Schade nur, dass der begnadeten Musical-Sängerin Anna Montanaro als männlicher Konterpart Bernhard Bettermann gegenüber- steht. Der ist zwar aus dem Kinofilm „So weit die Füße tragen” enorm populär und sieht auch in der Rolle des Industriellen Konrad Hartog hinreißend maskulin aus - kann aber leider überhaupt nicht singen.

Dass sein Manko in einer Musicalrolle schwer zu verbergen ist, überrascht kaum. Dieser Besetzungsfehler ist so fatal und mysteriös wie der Tod der Nitribitt. Damals kam der unbekannte Täter straffrei davon.