Düren: Skater erobert die heiligen Kunsthallen

Düren: Skater erobert die heiligen Kunsthallen

Sergej Vutuc nimmt Anlauf, springt mit einem Bein auf sein Skateboard und rast mit ohrenbetäubendem Krach gegen die steil zur Wand aufgestellte Rampe, dreht im Sprung seinen Körper um, rollt die halbrunde Schräge wieder herunter, um sogleich die Füße vom Brett abzuheben.

Das Board dreht sich in der Längsachse - doch der Skater verfehlt bei der Landung die Trittfläche und landet auf dem Hosenboden. Kickflip gescheitert. Ungerührt steht Sergej Vutuc auf, greift nach seinem Brett und nimmt erneut Anlauf...

„Stürzen gehört dazu”

„Stürzen gehört dazu”, sagt der 32-Jährige später lächelnd. Ihn treffen wir nun keineswegs am Rande eine Halfpipe in einem Skaterpark, sondern auf der ersten Etage eines altehrwürdigen Museums: mitten im Leopold-Hoesch-Museum in Düren. Dessen Direktorin Renate Goldmann setzt mit ihrem neuen Ausstellungsprojekt wieder einmal einen Akzent, der das Zeug zu einem Paukenschlag hat: Gleich fünf neue Ausstellungen auf einmal bietet sie ihrem Publikum ab Sonntag an - da wird der Museumsbesuch zu einem Erlebnistag.

„Dialog über Grenzen” lautet der Titel einer Präsentation der über Jahrzehnte entstandenen Kunstsammlung des Journalisten und früheren ARD-Korrespondenten Hans-Peter Riese (70); aus der hauseigenen Sammlung der Hubertus Schoeller Stiftung wird ein umfangreiches Konvolut des ungarischen Künstlers Imre Kocsis (1937-1991) gezeigt; die gebürtige Dürener Künstlerin Alex Müller (40) fasziniert mit einer raumfüllenden Installation aus Tausenden von Erbsen zum Sternbild der Cassiopeia und der Sagengestalt des Alberich. Dazu kommen die Jahresgaben des Museumsvereins und eben eine Foto-Ausstellung des gebürtigen bosnischen Skateboarders und Künstlers Sergej Vutuc.

Die Skaterfahrten haben im Museum deutlich Spuren hinterlassen, jede Menge schwarze kurvige Linien - der ganze Boden ist eine einzige schwungvolle Zeichnung geworden. Bei jedem Anlauf über die schräge Rampe, die Vutuc mit Kohle eingerieben hat, nahmen die Rollen des Boards das Schwarz auf und rieben es bei den halsbrecherischen Touren wieder ab.

Der Mann ist ein Phänomen: Geboren 1979 in Doboj, Bosnien-Herzegowina, erlebte er die in mörderische Barbarei versinkende Heimat. Seine eigene, ganz persönliche Welt, das ist die eines Punkgitarristen und leidenschaftlichen Skateboarders, deren Szene er bereits früh mit einfachsten fotografischen Mitteln begleitet.

Im Jahr 2000 kommt er nach Deutschland, nach Heilbronn und entfaltet hier ein erstaunliches kreatives Potenzial: Er gründet eine Galerie, gibt eine Zeitschrift heraus, veröffentlicht Bildbände mit seinen Fotografien aus der Skaterszene. Mittlerweile ist selbst die Kunstöffentlichkeit in den USA auf diesen „Street Artisten” aufmerksam geworden und widmet ihm Ausstellungen.

Faszination des Authentischen

Die Faszination liegt im Authentischen: Sergej Vutuc selbst macht keine großen Worte um seine technisch schlichte Art der Fotografie und die bewusst fragmentarisch wirkenden Ergebnissen: Er hält alltägliche Szenen fest, wo Skater noch den unwirtlichsten Orten einer Stadt - monströsen Betonabflüssen, vermoderten Brunnenanlagen, verrotteten Treppenabgängen, Müllplätzen, sinnlosen Architekturen - fahrtaugliche Qualitäten für ihre Ollies, Grabs, Tweaks, Heelflips und wie die Tricks alle heißen, abgewinnen. Und sie springen, stürzen, aber stehen immer wieder auf - für Sergej Vutuc bedeutet das Skaten weit mehr als ein bisschen spaßiges Rollbrettfahren. Seine Bilder geben einer Art von Lebensphilosophie Ausdruck - dem unbeugsamen Willen, selbst in der größten Trostlosigkeit noch gänzlich anspruchslose Momente der Lebensfreude zu finden.

In Spanien traf Vutuc zufällig ein tanzendes altes Paar auf der Straße, er hielt die Szene, die sein Herz ergriff, fest. „Das ist für mich Lust auf Leben”, kommentiert er die auf den ersten Blick so unscheinbare Aufnahme.

Nicht minder spannend sind die anderen Ausstellungen im Hoesch-Museum: Hans-Peter Riese, langjähriger ARD-Korrespondent in Prag, Moskau und Washington, trug eine gewaltige Kunstsammlung unter dem Konzept zusammen, die Kunstentwicklung in den 50er, 60er und 70er Jahren diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs darzustellen.

Das Ergebnis ist für den Sammler selbst nicht überraschend, für den Betrachter indessen verblüffend: Selbst über die größten ideologischen und politischen Barrieren hinweg prägten die europäischen Künstler während dieser Jahrzehnte nahezu die gleichen ästhetischen Fragestellungen und Erfahrungen - und das ohne die Möglichkeit eines kommunikativen Austauschs.

Dass es dennoch in Europa stets einen „Dialog über Grenzen” gab, das beweist die aussagekräftige unmittelbare Gegenüberstellung deutscher und osteuropäischer Kunst mit ihren ganz erstaunlichen Analogien. Sowjetische und tschechoslowakische Künstler wie Jiri Kolar, Jan Kubicek und Eduard Steinberg fanden gleichzeitig zu ähnlichen Lösungen wie ihre deutschen Kollegen.

Hans-Peter Riese war und ist mit vielen dieser Künstler eng befreundet, und es gelang ihm ähnlich wie dem Aachener Sammler Peter Ludwig, ihnen über viele Vorbehalte und Vorurteile hinweg einen Weg in den westlichen Kulturbetrieb zu öffnen.

Ausstellungen im Leopold-Hoesch-Museum, Düren, Hoeschplatz 1: „Dialog über Grenzen - die Sammlung Riese”, „Imre Kocsis - Hubertus Schoeller Stiftung”, „Sergej Vutuc”, „Alex Müller - Cassiopeia und der Alberich”. Außerdem werden die Jahresgaben des Museumsvereins präsentiert.

Eröffnung: Sonntag, 4. Dezember, 12 Uhr.

Dauer: bis 19. Februar 2012.

Geöffnet: Di.-So. 10-17, Do. 10-19 Uhr.

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