Aachen/Berlin: Sind (alte) Romane die neuen Stücke?

Aachen/Berlin: Sind (alte) Romane die neuen Stücke?

Ein 800-Seiten-Roman in zweieinhalb Stunden auf der Bühne? Geht das? Oh, ja! Aber ist das auch gut? Kommt drauf an! Ob Thomas Manns „Buddenbrooks“, Michail Bulgakovs „Der Meister und Margarita“, Günter Grass` „Blechtrommel“ oder Wolfgang Herrndorfs „Tschick“: Immer mehr setzen deutsche Theater auf epische Stoffe. Doch warum?

Ist der Trend zum Roman neu?

Nein. Der Trend zur Dramatisierung von Erzähltexten ist nicht neu, aber er hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Ein Vorreiter war Frank Castorf, der seit den 90er Jahren besonders gerne dicke Russen-Romane auf die Bretter brachte. Das konnte beim Volksbühnen-Intendanten dann schon mal strapaziöse fünf bis acht Stunden dauern.

In gerade mal zweieinhalb Stunden war John von Düffels vielgepriesene Theaterfassung von Thomas Manns „Buddenbrooks“ zu spielen — ebenfalls ein Trendsetter. Der Dramaturg und Schriftsteller legte seine verdichtete Lübecker Familienchronik 2005 vor, und seit der Premiere am Hamburger Thalia Theater feierte das Stück auf zahlreichen deutschsprachigen Bühnen Triumphe — etwa 2010 am Aachener Grenzlandtheater.

Was veranlasst Theatermacher, so oft zum Roman zu greifen?

Der Dramen-Kanon ist begrenzt, die Regie-Interpretationen von Sophoklesshakespearegoetheschillerkleisthauptmannbrechtundso sind für viele ausgereizt. „Es gibt eine Ermüdung der Klassikerneudeutung“, sagt John von Düffel gegenüber „Theater heute“.

Also, statt den zehnten „Hamlet“ herauszubringen, lieber als Erster buchpreisgekrönte Werke wie Uwe Tellkamps „Turm“ oder Lutz Seilers „Kruso“ für die Bühne bearbeiten? Da ist bei Regisseuren und Dramaturgen wohl auch eine gewisse Entdeckerlust zu spüren!

„Davon abgesehen, dass das rein Dialogische sich heute in Gegenwartsstücken sehr schnell TV-Soap-verdächtig macht, ist es natürlich reizvoll, auf der Bühne in einer literarisch hochwertigen Sprache große Zeitspannen und komplexe Zusammenhänge umfassen zu können“, findet Inge Zeppenfeld, Chefdramaturgin am Aachener Theater.

Nils Tabert, Chef des Rowohlt Theaterverlags, sieht eine weitere Verlockung für Theatermacher: „Ein Roman gibt dem Regisseur eine viel größere Freiheit als ein klassisch geschriebenes Stück, seine eigene Vision auf die Bühne zu bringen“, sagt er. Und vielleicht trifft einen Regisseur dann auch seltener der „Werktreue“-Vorwurf. Klar, auch jede Inszenierung eines Dramas ist eine Interpretation. Aber für Zuschauer ist es bei einer Romanadaption vermutlich offensichtlicher, dass der Text für die Bühne bearbeitet werden muss.

Was reizt Theatermacher noch?

Es ist auch die „Lust am großen Titel“, gibt der Regisseur Jan Bosse zu, der Tolstois „Anna Karenina“, Grasse_SSRq „Blechtrommel“ oder Defoes „Robinson Crusoe“ vertheatert hat. Da könne man dann auch mit den Erwartungen der Zuschauer spielen.

Zudem hoffen die Theater, auch ein anderes, neues Publikum anzusprechen: „Ein Roman bietet die Chance, Menschen zu erreichen, die sonst nicht ins Theater gehen würden“, meint Stuttgarts Schauspielintendant Armin Petras.

Ist der Trend also auch eine clevere Marketing-Masche?

Das wird wohl kein Theatermacher so offen zugeben. Aber sicherlich ist nicht immer inhaltliche Notwendigkeit, aktuelle Relevanz oder persönliche Neugierde ausschlaggebend für die Wahl eines Erzähltextes. Natürlich spielen für die Theater auch ökonomische Erwägungen eine Rolle.

Und beliebte Autoren und bekannte Titel ziehen einfach! Da kommen nicht nur Bildungsbürger oder Schüler. Mancher sieht die Theaterversion sogar als angenehme Abkürzung: „Danke, jetzt muss ich den Schinken nicht selbst lesen!“ Oder im Gegenteil: als Anregung zur ausführlichen Lektüre.

Wann ist ein Roman bühnentauglich?

„Natürlich lässt sich nicht jeder Stoff dramatisieren, das gelingt mal mehr und mal weniger“, findet der Direktor des Deutschen Bühnenvereins, Rolf Bolwin. Versteht man unter Drama traditionell die Darstellung einer Handlung in einer Folge von Rede und Gegenrede, dann ist diese Einschätzung naheliegend. Dann ist ein Roman leichter zu dramatisieren, wenn er dialogreich ist.

Aber so einfach ist die Theaterwelt schönerweise nicht. Dank einer (neuen) Vielfalt an Spielweisen und Theaterformen — auch fern des psychologischen Realismus — lassen sich neben Romanen, Erzählungen, Briefen oder Filmen auch Comics, Sachbücher und philosophische Texte zum Theaterstoff machen.

Wo liegen die Probleme?

Das kommt auf die Erwartungshaltung an. Wer etwa die rund 800 Seiten „Buddenbrooks“ gelesen hat, wird auf der Bühne vielleicht Figuren, Zeitbezüge oder sprachliche Ironie vermissen. Insofern ist der Roman sicherlich reicher als die Bühnenfassung. Während ein Erzähltext alle Zeit der Welt hat, seine eigene Welt zu erschaffen, muss das Theater schneller auf den Punkt kommen.

„Wenn man einen Roman auf die Bühne bringt, weiß man, dass die Landschaftsbeschreibung von drei Seiten nicht in dieser Form vorkommen wird“, sagt John von Düffel im „Börsenblatt“-Interview. Auch Armin Petras betont, dass „viele Änderungen“ notwendig sind: „Auslassung, Verdichtung, Verknappung, Zuspitzung, Neudichtung.“

Selbst wenn die „übliche Länge“ gesprengt werde, wie etwa bei der fast vierstündigen Aachener Aufführung von „Der Meister und Margarita“, schrecke das aber nicht ab, sagt Inge Zeppenfeld. „Es stellt ja für den Zuschauer auch ein Theater-Erlebnis dar, in einen Stoff intensiv eintauchen zu können.“

Auf die Gegenwärtigkeit, das Direkte des Live-Mediums verweist von Düffel ebenfalls: „Man weiß auch, dass eine sehr heftige Begegnung der Protagonisten, ein aufgeladener Konflikt, auf der Bühne eine Kraft entfesseln, eine Energie heraufbeschwören kann, die diese Figuren vielleicht noch einmal ganz anders erlebbar macht.“ So sei „die Konflikthaftigkeit und Abgründigkeit des Materials“ viel stärker zu erleben als beim Lesen — „wo man sich immer ein wenig ohrensesselhaft sicher fühlt“. Statt Gemütlichkeit im Ohrensessel also „absoluter Nahkampf“ im Theater.

Und wer sieht den Trend kritisch?

Einer, der schon seit Jahren beklagt, dass die Spielpläne „episch verseucht“ seien, ist der „FAZ“-Großkritiker Gerhard Stadelmaier. Er erkennt einen Betrug am Zuschauer: „Romane kann er selbst lesen, und in der Mehrzahl der Fälle besser als jeder Dramaturg.“ Aber die Theater kultivierten ihre „Angst vor dem Drama“ und suchten Halt an den epischen Rockzipfeln von Roman und Film. „Die Stoffe liegen entweder im Bewährten, das man ausbeutet, oder im Bestsellerischen, an das man sich hängt“, bemängelt der Journalist.

Gibt es denn nicht genug gute neue Dramen?

Zeitgenössische Dramatiker wie Lutz Hübner, Dea Loher oder Roland Schimmelpfennig, die mit ihren Stücken auch große Häuser füllen können, gibt es nicht allzu viele. Und man muss feststellen: Das Publikum ist in der Regel nicht so scharf auf Neues, Unbekanntes.

Zudem sei auch in der neuen Dramatik ein Trend Richtung Roman zu beobachten, erklärt Inge Zeppenfeld: „Es gibt prägende Theaterautoren wie Elfriede Jelinek, René Pollesch, Felicia Zeller und viele andere, die zentrale Bestandteile des Dramas über Bord geworfen und den Schwerpunkt neu gesetzt haben. Da gibt es keine durchgängig im Dialog sprechenden Figuren oder stringenten Handlungsbögen mehr, und da wird — zum Bespiel bei Dea Loher oder Roland Schimmelpfennig — viel ,erzählt‘.“ Da sei der Schritt zur Romanbearbeitung also folgerichtig.

Nicht zu vergessen: Neue Stücke bieten in unseren sogenannten postdramatischen Zeiten oft schroffe Textflächen oder lyrische Ergüsse. Dagegen liefern Romane vielfach leichter zugängliche szenische Vorlagen.

Alles in allem führt der Trend zur Romanadaption auf jeden Fall zur Erweiterung des Repertoires. Bühnenvereins-Direktor Bolwin findet es „eine gute Entwicklung, dass die Grenzen zwischen den Genres offener werden“.