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Sieg für nüchterne Tragödie der liebenden Lena

Sieg für nüchterne Tragödie der liebenden Lena

Goldene Leopard, an „Das Verlangen” von Iain Dilthey ging. Die beiden deutschen Wettbewerbs-Filme „Sophiiiie!” von Michael Hofmann und „Das Verlangen” sorgten so nicht nur für heftige Diskussionen.

Mit einer Flut von Filmen, mit Platz- und Preisregen endete am Sonntagabend die sehr wechselvolle 55. Ausgabe des Internationalen Filmfestivals von Locarno. Die große Überraschung ist, dass der Hauptpreis, der mit 90 000 Schweizer Franken prämierte Locarno.

Was fällt bei den beiden deutschen Wettbewerbsbeiträgen auf? Während „Sophiiiie” mit der gnadenlosen Naivität irritiert, mit der sich die junge Sophie in eine Nacht der Lebensentscheidung stürz, fesselt der Überraschungssieger „Das Verlangen” mit der nüchternen Aufzeichnung eines tragischen Frauenlebens in der Provinz, die entfernt an Faßbinders „Martha” erinnert.

Lena lächelt selig, wenn sie ihrem Mann, dem Priester, jeden Tag in den frisch gebürsteten Mantel hilft, wenn sie von der pflegebedürftigen Schwägerin geschlagen und beleidigt wird. Im zeitlos provinziellen Mief lebt sie wie eine Dienstmagd bis ein Automechaniker auftaucht.

Dass gleichzeitig der Mörder eines Mädchens gesucht wird, macht den zaghaften Ausbruch Lenas zur Tragödie. Der trocken, nüchtern erzählende Film „Das Verlangen” ist der Abschlussfilm des Schotten Dilthey an der Filmakademie Baden-Württemberg und gleichzeitig der letzte Teil seiner „Sehnsuchtstrilogie”.

Der Silberne Leopard ging an den argentinischen Film „Tan de repente” von Diego Lerman. „Man, Taraneh, panzdah sal daram” aus dem Iran, die typisch einfache und doch fesselnde Geschichte eines jungen Mädchens, das sich entscheidet Mutter zu werden, erhielt sowohl den Spezialpreis der Jury als auch den Darstellerpreis für Taraneh Allidousti in der Hauptrolle.

Abschlusstag ist Afghanistan gewidmet

Als Bester Schauspieler in Locarno wurde Giorgos Karayannis gekürt. Er spielt im griechischen „Diskoli Apocheretismi: O babas mou” von Penny Panayotopoulou einen Jungen, der den Tod des Vaters nur langsam bewältigt.

Neben den ausgezeichneten kleinen Filmen waren auch große Namen im Wettbewerb: Der mit „Psycho” und „Good Will Hunting” auf kommerzielle Abwege geratene Gus Van Sant polarisierte mit „Gerry”: Zwei junge Männer (Matt Damon, Casey Affleck) verirren sich bei einem Wanderausflug in eine existenzialistische, menschenleere Weite.

Fast ohne Dialog, mit atemberaubenden Bildern ist „Gerry” ein faszinierend offener Film. Gleich in den ersten Tagen warnte „Cinemanic”, eine Koproduktion der Filmstiftung NRW, vor zu intensivem Filmgebrauch.

Die Dokumentation über Filmfreaks in New York von der Deutschen Angela Christlieb und dem Amerikaner Stephen Kijak gehörte zu den Höhepunkten des Festivals. Ihre Objekte amüsierten und schockierten mit einer ungewohnt extremen Fixierung auf Filme.

In zehn Festivaltagen wurden beinahe 350 Filme gezeigt. Auch der Etat wuchs um fast 20 Prozent auf etwa sechs Millionen Euro. Der Abschlusstag wurde von Afghanistan, seinen alten und neuen Filmen sowie seiner politischen Situation bestimmt.