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Neuss: Shakespeare in Neuss: Ein freches Festival wird 25

Neuss : Shakespeare in Neuss: Ein freches Festival wird 25

Man muss nicht nach London fahren, um einen turbulenten Shakespeare-Theaterabend wie vor rund 400 Jahren zu erleben. Auch in Neuss bei Düsseldorf steht ein Nachbau des berühmten Londoner Globe Theaters aus Shakespeares Zeiten - direkt an einer Galopprennbahn. Jeden Sommer treffen sich Ensembles aus aller Welt zum Shakespeare-Festival im Neusser Globe - und locken bis zu 15.000 Fans an.

Seit 25 Jahren pilgern Anhänger des weltweit bekanntesten Komödien- und Tragödienschreibers nach Neuss, um auf harten Holzbänken beispielsweise die „Komödie der Irrungen” in persischen Dari oder den „Sommernachtstraum” auf koreanisch zu erleben - und natürlich immer wieder Shakespeare im englischen Original.

Das Shakespeare-Festival in der Nachbarstadt Düsseldorfs sei in Deutschland das einzige zu Ehren des berühmten Dramatikers aus Stratford-upon-Avon, sagt Festival-Dramaturgin Vanessa Schormann, die auch im Vorstand der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft (Weimar) sitzt. „So viele Truppen aus der ganzen Welt mit verschiedenen Ansätzen zusammenzubringen, ist einzigartig.”

Der Neusser maßstabsgerechte Nachbau des originalen Londoner Globe stand früher ungenutzt in Rheda-Wiedenbrück. Für 637.000 Mark wurde die zwölfeckige Holz- und Stahlkonstruktion gekauft, und 1991 startete das Festival. Im Globe sitzen rund 500 Zuschauer im Halbrund auf Bänken nur ein paar Meter von den Darstellern entfernt. Große Bühnentechnik gibt es auf der „englischen Bretterbühne” (Goethe) nicht. Und wenn es das Wetter zulässt, bringen die Shakespeare-Fans auch gern ihre Picknickkörbe für draußen mit.

Dass Shakespeare rund 400 Jahre nach seinem Tod einen so großen Reiz auf die Menschen der Moderne ausübt, erklärt der künstlerische Leiter Rainer Wiertz mit der Universalität der Motive, „die jeden von uns zu einem Zeitpunkt unseres Lebens betreffen”. „Die Identifikationsbasis ist sehr breit.” Das Besondere in Neuss ist für ihn, dass Compagnien von Afrika bis Brasilien Shakespeare „auf der Folie ihrer eigenen Kultur bearbeiten”, so dass „eigene Mythen eine Fusion mit den Shakespeare-Texten eingehen”.

Zur 25. Ausgabe des Neusser Festivals, das dieses Jahr vom 28. Mai bis 27. Juni läuft, konnte die Spielleitung erstmals eine eigene Produktion in Auftrag geben. Regisseur Dan Jemmett inszeniert mit der englischsprachigen Truppe „Eat a Crocodile” das weniger populäre Shakespeare-Stück „Maß für Maß”. Denn die Neusser wollen künftig auch Stücke aufführen, die aus dem gängigen Shakespeare-Repertoire herausfallen - also nicht immer nur „Hamlet” oder „Romeo und Julia”, sondern „auch mal den zweiten Teil von Heinrich IV.”, wie Wiertz sagt.

Das Neusser Festival ist vernetzt mit Shakespeare-Festivals in Polen, Ungarn, Rumänien, Dänemark, England und Spanien. Es gibt sogar ein europäisches Netzwerk der Shakespeare-Festivals, zu dem inzwischen auch das serbische Theaterfest zu Ehren des englischen Bühnenstars gehört.

Man darf nicht erwarten, dass im Neusser Globe immer hart am Original gespielt wird. Dieses Jahr etwa kommt eine brasilianische Truppe aus Rio de Janeiro und versetzt Prinz Hamlet in eine Favela, ein Armenviertel. Sieben Königsdramen Shakespeares in einem Stück präsentiert die Bremer Shakespeare Company, die seit 1991 immer dabei ist. Schräg und frech spielt eine Truppe aus Graz „Der Widerspenstigen Zähmung”. Der Schauspieler Dominique Horwitz liest den „Sommernachtstraum”.

Das Festivalbudget ist mit rund 400.000 Euro nicht eben groß. Immerhin rund 280.000 Euro werden durch den Kartenverkauf erwirtschaftet. Rund 120 Compagnien sind seit 1991 im Neusser Globe aufgetreten, mehr als 260 unterschiedliche Inszenierungen waren zu sehen. Sogar ein lebendiges Ferkel spielte mal beim „Kaufmann von Venedig” mit.

(dpa)