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Aachen: Sein Erbgut kann kein Täter leugnen

Aachen : Sein Erbgut kann kein Täter leugnen

Gut 17 Jahre liegt die letzte der schrecklichen Taten des Egidius Sch. zurück, die erste 24 Jahre. Da müssen Fahnder schon enorm hartnäckig sein, sich die Fälle immer wieder vornehmen, immer wieder von neuem miteinander und mit anderen vergleichen, um noch nach Jahrzehnten zu einem Erfolg zu kommen, wie ihn die Aachener Kripo seit Montag vorweisen kann.

Der 51-Jährige, der die Tötung von fünf jungen Frauen in der Region gestanden hat, sitzt hinter Schloss und Riegel und wird nach aller Voraussicht da auch sehr, sehr lange bleiben.

Nach Auskunft von Oberstaatsanwalt Albert Balke wird sich In den nächsten Tagen ein psychiatrischer Gutachter mit ihm beschäftigen und nach möglichen Gründen in der Persönlichkeitsstruktur von Egidius Sch. suchen, die ihn dazu brachten, diese Frauen - vier von ihnen waren zwischen 15 und 18 Jahre alt - zu vergewaltigen und danach umzubringen.

Für den sechsten Fall, die Tötung von Ulrike K., kommt er nach bisherigen Erkenntnissen nicht in Frage. Balke: „Der trägt nicht die gleiche Handschrift.” Aber auch ungeklärte vergleichbare Fälle im niederländischen Grenzbereich dürften nun nochmals untersucht werden. „Wir gehen davon aus, dass alle Polizeidienststellen nun ihre ungeklärten Fälle durchspielen.”

Entscheidend für die Überführung und möglicherweise auch für das Geständnis des Täters ist aber auch eine Methode gewesen, die in den letzten Jahren zunehmend neue und vor allem auch Jahre zurückliegende Straftaten aufklären hilft: die DNA-Analyse. Fast täglich melden Ermittlungsbehörden inzwischen, dass mit Hilfe des genetischen Fingerabdrucks Mörder, Vergewaltiger, aber auch Diebe und Einbrecher zweifelsfrei ermittelt worden sind.

Auch im Fall Egidius Sch. spielte dieses Verfahren eine entscheidende Rolle. Eine Speichelprobe, die er, im März im Raum Heinsberg bei einem Diebstahl erwischt, freiwillig abgegeben hatte, wurde mit einer DNA-Spur verglichen, die bei einer der getöteten Frauen gefunden worden war.

Seit den 80er Jahren, seit man solche Proben analysieren kann, werden sie sichergestellt und auf unabsehbare Zeit gelagert. Untersucht werden sie in den Landeskriminalämtern oder in den rechtsmedizinischen Abteilungen von Unikliniken. Bundesweit gibt es derzeit rund 600.000 solcher Datensätze. In Nordrhein-Westfalen sind gut 22.000 Tatortspuren und die Daten von fast 83.000 Personen gespeichert.

Alle neuen Spuren werden mit den gesammelten Computer-Daten verglichen, und zwar je nach Dringlichkeit - bei Mord natürlich eher als bei Diebstahl. Es können Monate vergehen, bis die Aufträge abgearbeitet sind. Technisch reichen Stunden. „Im Eschweiler Fall von Tom und Sonja haben wir über Nacht die Daten feststellen lassen.”

Wilfried Kreitz sagt das, der Leiter des Erkennungsdienstes der Polizei Aachen. Zum aktuellen Fall darf er natürlich kein Wörtchen herauslassen. Aber das Verfahren erklären, so wie es in diesem und jedem anderen Fall funktioniert.

Polizeilich untersucht und verglichen wird gar nicht das eigentliche Erbgut, das man in Proben von Blut, Speichel, Urin, Haaren oder im Nasensekret findet, sondern bestimmte Stellen zwischen den Genen. Diese Abschnitte wiederholen sich in einer Regelmäßigkeit, die für jedes Individuum absolut eindeutig ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Menschen den gleichen genetischen Fingerabdruck haben, ist eins zu 30 Milliarden.

Die Wahrscheinlichkeitsrechnung spielt überhaupt eine wesentliche Rolle bei der DNA-Analyse, die letztlich ein statistisches Verfahren ist. Je mehr Erbmaterial man hat, desto sicherer der Abgleich. Deshalb müssen die Spuren, meist nur wenige Zellen, künstlich im Labor massiv vervielfältigt werden. Polymerase Kettenreaktion, kurz PCR, heißt dieses Verfahren. In 30 Schritten, die je fünf Minuten dauern, ist man bei einer Milliarde Kopien. So viel braucht man nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit.

Genau 16 Zahlen

Acht Abschnitte des Erbmaterials, sogenannte Basenpaare, werden auf diese Weise vervielfältigt. Ihnen wird ein Code zugeordnet. Am Ende kommen 16 Zahlen (Erbgut ist immer doppelt) heraus. Wenn bei einem Computer-Abgleich exakt diese 16 Zahlen noch einmal auftauchen, ist es praktisch 100-prozentig sicher, dass es sich um ein und dasselbe Individuum handelt. Oder, wie Wilfried Kreitz sagt, „dann war der das”.

Mit den Zahlen kann übrigens, wie auch Kreitz versichert, außerhalb dieser Datenbanken „keiner was anfangen. Daraus kann man keine sonstigen Schlüsse ziehen”.