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Aachen: Schwungvolle Inszenierung der Komödie „Benefiz“ im Theater Aachen

Aachen : Schwungvolle Inszenierung der Komödie „Benefiz“ im Theater Aachen

Sie erwischen jeden, sprechen aus, was „man nicht sagt“, entlarven sich und damit jene, die im hell belassenen Zuschauerraum sitzen. Was ist eigentlich so komisch am Stück „Benefiz — Jeder rettet einen Afrikaner“, einer Komödie von Ingrid Lausund, die am Wochenende in den Kammerspielen des Aachener Theaters Premiere hatte?

Es ist der Mut, all das anzusprechen und lustvoll umzusetzen, was nicht sein sollte und doch ist. Wie ehrlich ist unser Umgang mit dem Elend der Welt, von dem man nie sagen darf, dass es nervt und man sich am liebsten von den schlimmen Bildern freikauft — am besten durch Spenden.

Ohne erhobenen Zeigefinger

Die fünf Akteure des Theaters durchleuchten miteinander und zugleich in großen Einzelleistungen die unterschiedlichen Aspekte einer Gesellschaft, die nur so lange ein gewisses Mitgefühl für die Not leidenden Völker aufbringt, wie das Elend nicht zu nah rückt, nicht stört, nicht verlangt, den eigenen Lebensstil tatsächlich zu ändern oder zumindest zu überdenken.

Marion Schneider-Bast entfacht im Bühnenbild von Verna Hiltmann, die die Gestalten auf der Bühne auch typgerecht angezogen hat, ein Feuerwerk der unbequemsten und schlimmsten Verhaltensmuster, allerdings ohne erhobenen Zeigefinger. Fünf Leute wollen eine Benefiz-Veranstaltung zugunsten einer Schule in Guinea-Bissau gestalten und treffen sich dazu in einem schäbigen Probenraum mit welligem Teppichboden, Tischchen, Thermoskanne, Wasserflaschen und Butterkeksen. Als Sitzmöbel gibt es ein abgenutztes Sofa im Leoprint.

Und da sind sie, die Benefiz-Planer, die sich von Anfang an in Peinlichkeiten und Eifersüchteleien überbieten, jeder und jede ein von Marion Schneider-Bast sorgfältig ausgearbeiteter Spiegel für Lebens- und Wohltätigkeitslügen, Selbstgefälligkeit und sogar kurzfristig auflebenden guten Willen, der als romantische Anwandlung jedoch schnell kippt.

Das beginnt schon mit der Frage, ob man nicht doch eine schwarze Sängerin einladen sollte, quasi als Alibi-Afrikanerin. Dass sie in Deutschland geboren wurde, ist doch egal. Aber ist sie auch „schwarz genug“? Torsten Borm ist als „Rainer“ ein in die Jahre gekommener Alt-68er, der mit einem wirren Haufen Infomaterial und noch wirrerem Haaren herumläuft wie ein staunendes altes Kind, sich in intellektuelle Floskeln verliert und irgendwann gar nicht mehr weiß, ob man nun für West- oder Ostafrika sammelt. Und Syrien? War da nicht noch was mit Syrien?

Lara Beckmanns „Eva“ kräht am liebsten so betroffene Sätzchen wie „Ich finde das ganz schlimm“, um dann wieder herzhaft ins Käsebrötchen zu beißen. Grandios mimt Britta Hübel die überdrehte Charity-Lady „Christine“, die immer wieder kokett betont, sie sei ja „nicht ganz unbekannt“. Benedikt Voellmy ist ein ironisch distanzierter „Leo“, den eigentlich nur Aktion und Abwechslung interessieren. Rainer Krause erscheint als zaghafter Moralapostel „Eckhard“.

Eine der stärksten Szenen ist sein leidenschaftlicher Appell für christliche Werte wie Güte und Barmherzigkeit. Weiße Spucke fliegt, er läuft rot an, brüllt den Leuten ins Gewissen — Spontanapplaus, endlich einer, der es ehrlich meint. Nichts da! „Willst Du das so bringen?“ fragt ihn Leo ungerührt während er auf der Couch herumlümmelt. „Bisschen lang, was...?” meint Eckhard nur nüchtern. Szene für Szene wird die Probe für den Benefizabend zum entlarvenden Schaulaufen, verliert dabei nie an Tempo.

Zickenkrieg und Machogehabe, bühnenwirksames Herumheulen über ein Kinderschicksal — die beiden Damen zanken, wer schluchzen darf. Grandios die Diaschau ohne Dias, gespickt mit den Klischees in den Köpfen der Menschen wie „So sieht Hunger aus!“ oder „Die Frauen tragen das Wasser von weit her...“ Das Spendenverhalten der Wohlhabenden wird aufgespießt.

Zehn Euro hergeben statt einen Cocktail schlürfen? Und am nächsten Tag das Elend wieder ausblenden? Na, ist doch egal. Alles Theater. Das Ganze verdichtet sich und nimmt an Skurrilität zu. Da wird über Solidarität und Gleichberechtigung schwadroniert, hat sich jeder ein Solo-Spenden-Special zurechtgelegt. Dank straffer Regie driftet die Komödie nicht in ermüdende Schelte ab.

Witzig bis bitterböse

Die oft mit Slapstick-Elementen gestalteten Dialoge sind witzig bis bitterböse. Als Zuschauer fühlt man sich ertappt und unterhalten gleichermaßen, 90 Minuten lang ohne Pause. Begeisterter Applaus für eine große Ensembleleistung, bei der alle mit Bravour auf Messers Schneide tanzen. Und dann die Rückkehr in die Realität, denn das Projekt Guinea-Bissau gibt es wirklich. Spendenboxen auch: Die Zuschauer sind gefordert — besonders die „mit Ehrenkarte“, wie Voellmy charmant zwinkernd noch einen Hieb austeilt.

Kaum einer geht nach Hause, ohne ein Scheinchen durch den Schlitz zu schicken. Rund 1000 Euro wurden an diesem Premierenabend gespendet. Lesenswert das Interview mit Elisabeth Kleffner, PR-Referentin bei Misereor, im Programmheft. Sie berichtet, wie das so geht mit dem Spendeneinwerben unter dem Motto: Besser zwei Euro von 25.000 Leuten einwerben als nichts...