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Aachen: Schwarz-weiß Doku: Aachener dreht Film über junge Flüchtlinge

Aachen : Schwarz-weiß Doku: Aachener dreht Film über junge Flüchtlinge

Schwarz. Mehr als drei Minuten Schwarz. Ein Film, der so beginnt, will nicht durch seine Bilder bannen. Der hat etwas zu erzählen. Aus dem Off Wellenrauschen, dazu die Stimme eines jungen Mannes. Fremd klingen seine Worte für westliche Ohren. Was sie bedeuten, ist Weiß auf Schwarz zu lesen.

Er berichtet von seiner Flucht nach Europa, mit dem Schlauchboot übers Meer, drei Tage lang, Blut spuckend, von Krämpfen durchzuckt.

Da spricht Sory aus Mali, mit 15 vor dem Krieg der Tuareg aus seinem zerstörten Dorf geflüchtet. Jahre später angekommen, in Aachen. Sory ist einer von sechs Ich-Erzählern, einer von sechs jugendlichen Flüchtlingen, die der Aachener Filmemacher Andres Rump für seine Langzeitdokumentation ausgewählt hat. Ambesa aus Eri-trea, Asad und Mahruf aus Afghanistan, Biran aus Gambia, Boubaca aus Guinea und Sory aus Mali — sie sind Rumps „Ferne Söhne“, so lautet der Titel seines Films. Fern der Heimat, fern der Familie.

Aus den unterschiedlichsten Gründen haben die Jungs Heimat und Familie verlassen. Sie flohen vor Bürgerkrieg, Taliban-Terror, drohendem Kriegsdienst, politischer Verfolgung oder einem Leben ohne Perspektive. Am Ende ihrer Odyssee sind sie an der Grenze bei Aachen gelandet. In Aachener Flüchtlingsunterkünften hat der Filmemacher sie kennengelernt. Rumps Recherche begann Ende 2013. Monatelang habe er ein Vertrauensverhältnis zu den Jungs aufgebaut, erzählt er, auch mit Hilfe einer Traumatherapeutin.

Nun, drei Jahre später und ein Dreiviertel Jahr nach dem Ende der Dreharbeiten hat Rump seine Protagonisten eingeladen, weil er eine gute Nachricht hat. Bei Börek und Ayran sitzen sie an einem langen Biertisch. „Unser Film ist nach Leipzig eingeladen“, sagt der 45-Jährige. Ringsum fragende Blicke. „Ich muss euch das mal erklären“, holt Rump aus. „Das ist eigentlich so das bedeutendste deutsche Dokumentarfilmfestival. Darauf bin ich sehr stolz!“

Asad, ein sportlicher Kerl mit kurz geschorenen Haaren, nickt freundlich. Er ist Boxer und macht eine Ausbildung als Maler und Lackierer in Stolberg. Über den Tisch gebeugt fragt der 21-Jährige: „Und wann kommt der Film endlich ins Kino? Alle meine Freunde fragen schon danach!“

Neben ihm am Tisch sitzt Boubaca. Er dreht eine DVD ihres Films in der Hand, die Rump gerade verteilt hat. Sehr dunkel ist der Anfang des Films, aber auf dem Cover blitzen Sonnenstrahlen durch ein Blätterdach. „Zuerst habe ich mich gefragt: Was soll der Film?“, meint der 17-Jährige, der nächstes Jahr seinen Hauptschulabschluss machen will. Doch mittlerweile habe er verstanden: „Es geht um Integration.“ Viele Vorurteile, viel Negatives höre man über Flüchtlinge. „Die sind Mafia oder was!?“ Der Film könne etwas anderes zeigen.

So sieht also Integration in Aachen aus? In einer Werkstatt zum Beispiel, Ambesa und ein bärtiger Mann unterm Auto, die Blicke nach oben gerichtet. Der Mechaniker erklärt, schraubt, macht Witze, spricht in breitem Öcher Singsang über die „Jänge“ und das „verschliiiiissene“ Öl. Ambesa lächelt dazu freundlich, nickt, lacht. Versteht?

Oder der schielende Sory bei der Augenärztin. Verschüchtert und stumm im Behandlungsstuhl, aber dankbar, dass ihm geholfen wird. Zwei Ärztinnen hantieren mit Prismen vor seinem Gesicht, reden über ihn — auch mit ihm?

Oder Asad im harten Fight mit seinem deutschen Trainer, der für ihn ein Freund sei. Dazu erzählt der Afghane aus dem Off: Seine Mutter wiederzusehen? „Das wäre wunderschön.“

Gut 45 Stunden Material hat Rump gesammelt, davon fast 15 Stunden Tonaufzeichnungen. Die Geschichten seien zuerst dagewesen. „Daher habe ich mich entschieden, das Bild zurückzunehmen.“ Er zeigt Alltagsszenen in Schwarz-Weiß, begleitet die sechs zur Schule, in die Moschee oder ins Freibad, beobachtet sie beim Kartoffelschälen oder Austragen von Zeitungen, im Boxring und an der Staffelei. Mit einem eigens konstruierten Mikrofon, das seine Protagonisten selbst in der Hand hielten, nahm er ihre Berichte auf. Geschichten von ihrer Kindheit und Jugend, vom Alltag in ihrem Land, erzählt in ihrer Muttersprache, in Paschtu, Fula, Dari oder Tigrinya, für die Untertitel wurden sie später übersetzt.

Rump versteht sich als Autoren-Dokumentarfilmer. Also: journalistischer Hintergrund, aber künstlerischer Anspruch. Lange Recherche, ruhige Bildeinstellungen, sorgfältige Kadrierungen. Oft zeigt er die jungen Männer bei sich, innehaltend, in intimen Momenten. Wenn etwa Biran auf dem Gebetsteppich verharrt und aus dem Off erzählt, von seiner lebensgefährlichen Flucht über den Zaun an der marokkanischen Grenze.

Rump will zeigen, „was für einen Mut die junge Menschen aufbringen“, „was für einen Reichtum an Kultur sie mitbringen“. Und er zeigt auch die ständige Ungewissheit. Bei Ambesa zum Beispiel. Will er zurück nach Eritrea? „Auf mich wartet das Gefängnis oder der Tod.“ Oder bei Biran: Er erzählt von seiner „größten Sorge“ in Deutschland: „Ich weiß nicht, wie über mich entschieden wird, entweder werde ich abgeschoben oder kann bleiben.“

Ab 24. November im Apollo-Kino

Seine Weltpremiere feiert „Ferne Söhne“ am 3. November im deutschen Wettbewerb der Dok Leipzig. Rund 3300 Filme wurden für das renommierte Festival in diesem Jahr gesichtet. Und kurz danach steht außerdem die Präsentation beim Kasseler Dokumentarfilmfest an, auch dort wurde Rumps Werk aus mehr als 3000 Filmen ausgewählt. Im Rennen um die Goldene Taube und 10 000 Euro Preisgeld in Leipzig rechnet er nicht damit zu gewinnen. „Ich erwarte auch keinen großen kommerziellen Erfolg“, sagt er nüchtern. Sein Film sei ja schon „speziell“. Viel wichtiger sei, dass er Freunde gewonnen habe. Gemeinsam mit Asad und Mahruf hat er bei sich zu Hause Weihnachten gefeiert.

„Das ist kein Dokumentarfilm“, meint Asad erklärend, „sondern ein Motivationsfilm!“ Für andere Flüchtlinge. Man müsse Selbstvertrauen haben und ein Ziel. „Ich habe es geschafft“, sagt er. Als Boxer, Trainer, Maler.

Und er lässt nicht locker: „Wann kommt unser Film endlich ins Kino?“ Sein Regisseur muss ihn noch ein wenig vertrösten. Aber das Aachener Apollo-Kino will den Film ab 24. November zeigen, sagt Rump. Und er hofft, bei den beiden Festivals Kontakte zu knüpfen und vielleicht sogar einen Verleih zu finden. Dann käme „Ferne Söhne“ auch noch in anderen Städten „richtig“ ins Kino.