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Aachen/Düren: Schutz vor „Giften” und „englischer Mafia”

Aachen/Düren : Schutz vor „Giften” und „englischer Mafia”

Die Geschichte, die man da am Freitag vor der 1. Großen Wirtschaftsstrafkammer (Vorsitz Richter Hans Laufenberg) am Aachener Landgericht serviert bekam, kann man kaum glauben.

Und doch: Das Handlungsgerüst eines Millionenbetrugs an einer reichen Dürener Unternehmerin ist zumindest in großen Teilen unstrittig. Im Zentrum des ersten von zwölf Verhandlungstagen stand eine Heilpraktikerin (65). Die langjährige Freundin der mutmaßlich betrogenen Unternehmerin sagte aus, die drei mit angeklagten Männer schwiegen dagegen eisern.

Gerade sie aber, vor allem der 45-jährige Security-Experte Klaus Sch. und der 68-jährige Anwalt und Unternehmensmakler Hans-Günter B., sollen laut Anklage zwischen Anfang 2006 und bis Dezember 2007 gemeinsam mit der Heilpraktikerin die Dürenerin erpresst und betrogen haben.

Der Trick: Eine von Klaus Sch. angeblich betriebene „Schutztruppe”, von der niemals auch nur ein Mann gesehen wurde, musste mit horrenden Geldbeträgen unterhalten und mit Schutzgeldern für Dritte ausgestattet werden.

Hunderttausende wurden bezahlt, um in dem Dürener Haus ausgelegte und angeblich mit Labortests nachgewiesene „Gifte” auf Teppichen und in der Kleidung der Bewohner zu neutralisieren. Dazu musste die Fabrikantin vor angeblichen Nachstellungen einer ominösen „englischen Mafia” beschützt werden.

Um Geschäfte mit angeblichen Patenten für ein umweltschonendes Reifen-Recycling anzuleiern, sollen sie zusätzlich das Geld der Dürenerin zu einer Liechtensteiner Stiftung geschafft haben. Insgesamt etwa fünf Millionen Euro waren zeitweise verschwunden.

Schlüsselfigur des Räuber-Monopoli ist die Angeklagte Lili R.. Den Anstoß für die Gift-Paranoia der Damen gab die Heilpraktikerin selbst, die sich, wie sie ausführte, seit 2004 von solchen Dingen verfolgt fühlte. Doch nach Freitag weiß man nicht genau, ob sie eher Mitopfer oder doch Mittäterin ist.

R. stammt aus Glatten im Schwarzwald, arbeitete dort bis etwa Ende 2004 als Heilpraktikerin und nebenher als „spirituelle Unternehmensberaterin” - und zwar, indem sie für Klienten „mit der Wünschelrute” über neue Bewerbungen gehe, erklärte sie dem erstaunten Vorsitzenden auf Nachfrage.

Die geschädigte Unternehmerin lernte die Heilpraktikerin Mitte der 90er Jahre kennen. Lili R. erinnerte sich mit leiser Stimme: „Sie wohnte mit ihrer Familie in Baden-Baden”, also nahe ihrem Wohnort Glatten mitten im Schwarzwald.

Die Dürenerin nahm für sich und ihre Kinder die Dienste der Heilpraktikerin in Anspruch, über die Jahre lernte man sich „sehr schätzen”. „Ja, das war hinterher eine tiefe Freundschaft”, erklärte die distinguierte Angeklagte im weißen Leinenjackett nachdenklich.

Dann, 2004, geschah etwas, was den Niedergang der Beziehung einläutete und sie letztlich vor die Aachener Strafkammer brachte. Die Unternehmerin vermachte der Freundin per Schenkung Geld, zwei Millionen Euro, „damit ich in Ruhe leben konnte”, berichtete die Schwarzwälderin lapidar. Und dann kamen die Männer ins Spiel. Der Prozess wird Montag fortgesetzt.