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Alt-Schaffrath: "Schürfwunden": Ganz nah an der Wirklichkeit

Alt-Schaffrath : "Schürfwunden": Ganz nah an der Wirklichkeit

Raubüberfall auf einen Geldtransport. Der Fahrer wird erschossen. Täter Guido Jensch entkommt. Seine offensichtliche Komplizin wird vor Gericht aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Die Kölner Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) sind außer sich.

Das ist die Ausgangslage des sehenswerten ARD-Tatort, der am Sonntag, 13. Februar, um 20.15 Uhr gesendet wird und der in der hiesigen Region spielt. Denn die beiden Tatort-Kommissare Max Ballauf und Freddy Schenk ermitteln diesmal im rheinischen Braunkohlerevier.

Im Präsidium findet ihre Assistentin Franziska Lüttgenjohann (Tessa Mittelstaedt) wenig später in der Post einen abgetrennten Daumen. Aufgegeben wurde das Päckchen in Schaffrath, einem todgeweihten Ort im rheinischen Braunkohlerevier, an dem schon die gigantischen Schaufelradbagger knabbern. Nur ein Bauernhof, die alte Schule und die Dorfkneipe sind noch in Betrieb. Die meisten Bewohner sind bereits nach Neu-Schaffrath umgesiedelt.

Leichenwagen-Konvoi

Durch den Geisterort rollen die Leichenwagen im Konvoi: Auch die Toten müssen umziehen auf den neuen Friedhof. Landwirt Manfred Ackermann (Werner Wölbern) und sein Bruder, Dorfpolizist Gernot (Stephan Kampwirth), wetteifern inzwischen um die Gunst von Wirtin Alice Rausch (Anna Schudt).

Unterdessen macht Gerichtsmediziner Dr. Joseph Roth (Joe Bausch) eine interessante Entdeckung. Der Raubüberfall auf den Geldtransporter und der abgetrennte Daumen stehen in direkter Verbindung. Der gehörte nämlich zu Lebzeiten Guido Jensch. Gut für ihn: Er war schon tot, als ihm der Finger mit einem Fleischerbeil abgehackt wurde.

Der leicht verstörte Hansi Lensen (Jona Mues), Faktotum auf Manfred Ackermanns Bauernhof, scheint mehr zu wissen. Doch als Ballauf und Schenk ihn auf einem Feldweg stellen wollen, geschieht ein Unglück

Feiner Mikrokosmos

Mit viel Lokalkolorit, gewaltigen Landschaftspanoramen aus dem Tagebau Garzweiler II (Kamera: Arthur W. Ahrweiler) und knackigen Typen lassen Drehbuchautor Frank Posiadly und Co-Autor/Regisseur Niki Stein im fiktiven Umsiedlerort Neu-Schaffrath (in Wirklichkeit Neu-Otzenrath bei Jüchen im Kreis Neuss) einen feinen, kriminellen Mikrokosmos entstehen.

Im Grunde sind es Menschen wie du und ich. Gescheiterte Beziehungen, unerfüllte Träume, der Verlust von Freunden und Heimat - das sind Sorgen und Nöte, die auch in der Realität dem einen oder anderen Umsiedler den Schlaf rauben dürften.

Andererseits: Wenn einem der Zufall derart die Millionen vor die Füße kegelt, kann man auch schon mal auf dumme Gedanken kommen. Und ein kompletter Friedhofsumzug ist schließlich wie gemacht, um eine Leiche verschwinden zu lassen. Wenn nicht, wie so oft, am Ende einer aus der Reihe tanzen würde

Gratwanderung

Ein herausragender Tatort, der seine Faszination aus der Gratwanderung zwischen der fiktiven Welt der Leute von Neu-Schaffrath und der Neu-Otzenrather Realität bezieht.

Sogar die "vergessene" Janusc-Kortczak-Grundschule in Alt-Otzenrath, die im Film kurz anklingt, gibt es tatsächlich. Und weil gegenüber der Schule der Friedhof liegt, müssen die (ech-ten) Schulkinder derzeit das Ausgraben der (echten) Särge und den Umzug der Toten aus nächster Nähe mitverfolgen. Manchmal ist das Leben wirklich wie im Film ...