Aachen: Schrittmacher-Tanzfestival: Verspielt und mit aggressiver Raffinesse

Aachen : Schrittmacher-Tanzfestival: Verspielt und mit aggressiver Raffinesse

Das Phoenix Dance Theatre aus England ist ein Ereignis. Kraftvoller Tanz, Spiel, Brillanz im Ausdruck, Gefühlstiefe, unbändiger Spaß am Gestalten prägt diese Compagnie. Für den Abschluss des Tanzfestivals Schrittmacher in der Fabrik Stahlbau Strang hätte man keine bessere Truppe auswählen können.

Das 1981 in Leeds gegründete Ensemble hat sich in seinen 37 Jahren kontinuierlich weiterentwickelt. Ihr großes Spektrum verdankt Phoenix prägenden künstlerischen Leitern und Leiterinnen wie der inzwischen siebten Art-Direktorin Sharon Watson.

Offen für die Ideen renommierter Choreographen, ist die international gemischte Compagnie einem Prinzip in all den Jahren treu geblieben: Sie erzählt Geschichten, stellt an Tänzerinnen und Tänzer höchste Ansprüche was die Entwicklungen im Modern Dance betrifft — stets auf der Basis klassischer Perfektion und darstellerischen Ausdrucks. Für die Aachener Fabrikhalle hat die relativ große Truppe drei Stücke im Gepäck. Verspielt und zugleich mit aggressiver Raffinesse geht es bei „Calyx“, einer ausgefeilten Arbeit von Sandrine Monin, zu.

Im Hintergrund die erotisch-düstere Atmosphäre von Charles Baudelaires berüchtigter Gedichtsammlung „Les fleurs du mal“. Im Vordergrund zwei Frauen und zwei Männer in samtig floralen knappen Kostümen, die nach allerhand Räkelei wie keimende Pflanzen aus Stoff bespannten Boxen aufsteigen und ihr Umfeld erobern. Die Musik von Roberto David Rusconi heizt Bewegung, Emotionen und Aktionen an, das Umkreisen, Erobern, Verführen und Ausspionieren ist wie ein ewiger Kreislauf, der erst beendet wird, wenn alle wieder in ihren Kisten stecken, zwischen Zärtlichkeit und Quälerei alles ausgeschöpft ist.

Ging es hier noch eher spielerisch zu, lenkt „Beast“, eine Arbeit von Douglas Thorpe, die Compagnie in die düsteren Tiefen des menschlichen Charakters. Da schlägt man an Wände, wird geschrien und heftig gestikuliert, sind die Bewegungen messerscharf und im abgedunkelten Raum durch geisterhafte Schattenspiele überhöht. Wer all die entfesselten Bosheiten und Gewaltanwandlungen überlebt, ist stark. Grandios getanzt.

Mit „Windrush: Movement of the People“ erzählt Sharon Watson gelassen und mit einer munteren Truppe eine große Geschichte. Es geht um die karibischen Emigranten nach England. Vor genau 70 Jahren gingen sie von Bord des Schiffes SS Empire Windrush — voller Hoffnung auf eine besserer Zukunft im Empire, dem sie in Jahren des Diskriminierung zurufen: „You called us“, „Ihr habt uns gerufen“.

Beschwingt und bunt, grau und verzweifelt, schließlich modern und vergnügt — das sind die Stimmungen, die Sharon Watson mit der Compagnie entwickelt. Naiv brechen die jungen Auswanderer, die sich permanent im Reggae-Rhythmus bewegen, in ihre neue Welt auf. Aus der sonnigen Laune wird feucht-kaltes Grau, England macht es ihnen nicht leicht. Dann kommen Jazz und Pop, eine neue Generation, nachdem die Mütter als gesichtslose Putzfrauen geknechtet wurden. Tanz mit Gefühl und maximalem Ausdruck. Viel Applaus, Sharon Watson springt auf die Bühne und feiert mit ihrer Truppe den Erfolg. Am Samstag und Sonntag, 20.30 Uhr, gibt es Aufführungen in der Fabrik, Philipsstraße 2, Aachen, Restkarten.