Aachen: Schrittmacher: Mann und Frau, das uralte Spiel

Aachen: Schrittmacher: Mann und Frau, das uralte Spiel

55 Minuten getanzte Poesie. Ein Kosmos aus Gefühlen, Gedanken und Interaktionen, mit dem ein außergewöhnliches Paar den zweiten Aachen-Abend des Schrittmacher-Tanzfestivals 2013 gestaltete. In der Fabrik Stahlbau Strang sahen die Zuschauer „Monchichi”, eine Produktion der Kompanie Sébastien Ramirez, getanzt vom Gründer und seiner Lebenspartnerin, der in Deutschland geborenen Koreanerin Hyun-Jung Wang, alias Honji.

Liebe, Begehren, Staunen, Beherrschen, Unterwerfen, Nähe und Flucht sind nur einige wenige Aspekte dieser Arbeit, mit der sich die beiden dem Publikum sehr persönlich öffnen. Das berührt und verbindet, denn in dem Maße, in dem die Tänzer ihren Zuschauern vertrauen, fliegen ihnen die Herzen zu.

Die hell ausgeschlagene Bühne, auf der lediglich ein kahl wirkender Baum steht, bietet eine Projektionsfläche für unterschiedlichste Stimmungen. An den Zweigen blühen Garben aus kleinen Lampen; der Baum trägt rote „Blüten”, die sich pflücken lassen, und wird in einer Szene sogar von Lebenssäften durchströmt. Ein Zauberbäumchen wie aus dem Märchen, Spiegel der Gefühle.

Reizvoll entwickeln die beiden Profis die vielschichtige Begegnung zweier Welten: Honji Wang kommt vom klassischen Tanz, Ramirez ist ein B-Boy, ein Könner der Breakdance-Szene. Jeder staunt über den anderen, versucht ihn zu belehren, zu imitieren, zu entdecken. Die Liebe zueinander lässt vieles zu. Magisch bereits die Anfangsszene: Honji entfaltet ihren zarten Körper wie eine Pflanze, die aus der Erde der Frühlingssonne zustrebt. Ramirez, der sich zunächst am Baum verborgen hält, wird magisch von dieser Frau angezogen und antwortet mit seiner eigenen Bewegungssprache.

Überraschende Brüche

Der Zuschauer findet alles, was im New York der frühen 70er Jahre zu Pop, Funk und Hip-Hop begonnen hatte und bis heute höchst aktuell ist: akrobatische Top Rockings, Footworks und Powermoves, das Rotieren auf einer Körperstelle. Ramierz gleitet wie unter Wasser von einer Bewegung zur nächsten, ein Könner mit enormer Kraft. Wie in Zeitlupe läuft das „B-Boying” bei ihm weich, dynamisch und mit verblüffender Leichtigkeit ab.

Immer wieder verwandeln sich die beiden Akteure: Er in Anzug und Jackett, sie mit blonder Perücke, silbrigen Schuhe, rosa Kleidchen — eine Tangoszene, wieder das uralte Spiel von Mann und Frau. Dann mutiert Honji zum B-Boy-Bürschchen und hält tüchtig mit, wenn Ramirez — jetzt in Turnschuhen — beim Popping wie ein Roboter läuft oder andere Kunststücke einbaut. Da gibt es Grenzüberschreitungen und Gesten der Dominanz, Abgrenzungen bis hin zur erschreckenden Annäherung, wenn Ramirez etwa Honji dicht über das Gesicht springt. Bei solcher Schnelligkeit und Körperbeherrschung zuckt man sogar als Zuschauer zusammen.

Mit Witz und Selbstironie sorgen die beiden in „Monchichi” für überraschende Brüche, streiten sich mehrsprachig (er hat spanische Wurzeln, ist aber in Südfrankreich aufgewachsen), beschreiben, wie es sie nervt, sich an deutsche Eigenheiten zu gewöhnen, obwohl sie eigentlich ganz gern hier leben. „Monchichi”, die in Japan produzierte Affenpuppe, ist übrigens ein nicht besonders angenehmer Kosename, den man Honji in Deutschland gegeben hat, wie sie irgendwann erzählt.

Da bleibt nur eins: doppelter Salto zurück ins Tanzstück, Hände und Arme, die miteinander untrennbar wie Sinuskurven schwingen und schließlich das sanfte, stumme Verschmelzen unter dem funkelnden Bäumchen. Musikalisch (Carlos Gardel, Alva Noto, Dabrye) und lichttechnisch entfaltet jede Szene ihre eigene Atmosphäre. Stürmischer Applaus, glückliche Zuschauer, Veranstalter und Künstler. Ein mitreißender Abend.

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