Heerlen: Schrittmacher-Festival: Kampf der Shaolin-Mönche wird zum Tanz

Heerlen : Schrittmacher-Festival: Kampf der Shaolin-Mönche wird zum Tanz

Ein kleiner Junge in der Gebetshaltung eines Shaolin-Mönchs meditiert auf einer hohen Kiste — wer würde nicht gerührt hinschauen? Mit der Choreographie „Sutra“ sorgte der flämisch-marokkanische Choreograph Sidi Larbi Cherkaoui im Theater Heerlen für einen Höhepunkt des Tanzfestivals Schrittmacher, das am Donnerstag beim Partner Parkstad Limburg Theaters zu Ende geht.

„Sutra“, ein Wort aus dem Sanskrit, das soviel wie „Faden“ oder „Kette“ bedeutet und einen gereimten Lehrsatz des indischen Schrifttums umschreibt, ist eine Arbeit von 2008 — stets weiterentwickelt, überall auf der Welt gefeiert. Die roten Plüschsitze des Theaters Heerlen sind bis zum zweiten Rang nahezu komplett besetzt — alle wollen die 19 Shaolin-Mönche sehen, die zusammen mit dem Künstler Antony Gormley auf der Bühne die Geschichte von Spiritualität und kämpferischer Disziplin, Selbstbeherrschung und Transformation umsetzen.

Dafür sorgt dieses ungewöhnliche Ensemble, das mit einem einfachen wie genialen Bühnenbild — vom Künstler geschaffen — auf faszinierende Weise zu spielen versteht. Live-Musik eines Streicherensembles, das ein filigranes und zugleich dynamisches Werk von Szymon Brzóska intoniert, trifft den Nerv des Zuschauers.

Aber was passiert da? Antony Gormley sitzt dem kindlichen Shaolin-Mönch auf dem Rand einer Kiste gegenüber. Sie schieben Holzklötze hin und her. Die Welt, ein Spiel unsichtbarer Mächte? Grob gearbeitete, rechteckige Holzkisten beherrschen bald die Bühne, verändern beständig ihre Konstellation — die Bauklötzchen sind ihr Spiegel. Es setzt eine Reihe von atemberaubenden Aktionen ein.

Die Shaolin-Mönche tauchen auf, unter, verbinden und vereinzeln sich, keine Bewegung ist Zufall, alles Kalkül. Gormley und sein Begleiter mischen mit, klettern akrobatisch, zwängen sich in die Kiste, die plötzlich zur Keimzelle mutiert. Einfach ist es nicht, sich der eingeschworenen buddhistischen Mönchsgemeinschaft anzuschließen, die bald mit ausgestreckten Fäusten und Kampfrufen eine Front bildet.

Elegante Bewegungskultur trifft auf eiserne Disziplin. Die spirituell geprägte Kampfkunst der Shaolin ist magischer Tanz, hochkonzentrierter Angriff und blitzschnelle Abwehr, eine Meditation in Bewegung. Da bieten sich grandiose Formationen, hohe Sprünge, rasche Wendungen.

Im Spiel mit den Kisten, die wie Särge die Länge eines Mannes haben, wird „Sutra“ zu einem mystischen Mosaik. Plötzlich haben die Objekte Beine. Die Mönche stecken drin und laufen wie Ameisen in einer geheimnisvollen Prozession über die Bühne. Das Holz bildet ein neues „Bauwerk“, einen Wall auf dem sich die Kämpfer mit Schwert und Stock nichts schenken. Der Gleichklang der Körper ist einer langjährigen Disziplin zu verdanken, die jede Individualität ausschließt.

So stapeln die Akteure in einer Szene drei Mal vier quergestellte Kisten mit der Öffnung nach vorn. Das Bild lässt an eine Gruft mit zwölf Liegeplätzen denken — und die „Fächer“ sind belegt, mit Mönchen.

Sidi Larbi Cherkaoui löst die Strenge solcher Bilder gern auf. Er lässt zum Beispiel den kleinen Jungen an den Fächern hinaufklettern und auf der obersten Fläche im Krebsgang marschieren. In einer anderen Szene kippen die Kisten und bieten einen perfekt organisierten Domino-Effekt. Zum Schluss ist sogar der Shaolin-Tempel optisch gegenwärtig, aufgebaut aus Holzkästen.

Die furiose Shaolingruppe nimmt Kind und Künstler in ihre Mitte, Spiel, Veränderung, das Ringen der Kräfte hat alle zusammengeführt, „Sutra“, die „Kette“, schließt sich. Eine Choreographie, die mit leichter Hand Kulturen zusammenführt und eine neue Sprache erfindet. Die Zuschauer springen von ihren Plätzen. Donnernder Applaus.