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Aachen: Schnapsdrosseln zwitschern im Strandbad

Aachen : Schnapsdrosseln zwitschern im Strandbad

„Die ganze Welt ist Posse”, singt Sir John Falstaff ziemlich zum Schluss der Verdi-Oper. So weise das klingt, er müsste wissen, dass die Scherze, die er zuvor angezettelt hat, zuvorderst auf seinem Buckel verhandelt werden.

Denn sie verstehen keinen Spaß, diese Bürger von Windsor, jedenfalls nicht, wenn ihnen einer wie Falstaff den Narrenspiegel vorhält. Außenseiter haben´s schwer in dieser feinen Gesellschaft: Falstaff kriegt es mit Baseballschlägern zu tun, der Lohn für seinen Schabernack trägt Züge eines Pogroms. Zum Lachen ist es dennoch.

Vögel zwitschern, Grillen zirpen. Am Morgen nach dem Saufgelage liegen Falstaff und seine Kumpane in einem ziemlich schäbigen, von ehemals weißgetünchten Mauern begrenzten Stück Hinterhof umher. Efeu wuchert über die Mauer, links geht´s zum Strand, rechts zum Klo. Katerstimmung. Erst als der geprellte Cajus dem armen, dicken Ritter ans Leder geht, ertönt mit großem Getöse Musik, das Spiel beginnt.

Ganz und gar dreist

In Nullkommanichts ist die Geschichte in Gang, in deren Verlauf der lebenslustig-naive Titelheld auf der Suche nach Geld zwei Frauen den Hof macht - mit gleich lautendem Liebesbrief, was diese nicht besonders lustig finden und einen Racheplan aushecken. Und weil auch noch deren Ehemänner Wind vom vermeintlichen Techtelmechtel bekommen, hat es Sir John nicht leicht und entkommt dem wütenden Mob nur knapp, wenn überhaupt.

Regisseur Alexander von Pfeil ließ sich einerseits von der Sha- kespeare-Vorlage, andererseits von Verdis grandioser Partitur zu einer ganz und gar dreisten Umsetzung für das Theater Aachen anregen. Geht der Text mit fröhlicher Ironie zu Werk, erfindet Verdi in seiner letzten Oper die Gattung der musikalischen Komödie geradezu neu, indem er alte Formen parodiert, was das Zeug hält. Pfeil kreiert mit Bühnenbildner Pierio Vinciguerra und Kostümbildnerin Sabine Blickenstorfer eine Szenerie, die das beschauliche Windsor an den Rand eines (unsichtbaren) Strandes verlegt.

Das muss man gesehen haben. Kaum hat der Titelheld seine Beinkleider wieder an, bevölkern Damen und Herren in ausgesucht bunter und unmöglicher Strandbekleidung mit Strandlaken und Liegestühlen das Rollrasen-Idyll. Die lustigen Weiber von Windsor erweisen sich als Schnapsdrosseln, und die Dusche tut´s auch nicht.

Der Likör fließt, der Plan ist geschmiedet, schon tappt Sir John in die Erotik-Falle: Bevor er jedoch im Glauben an seine Unwiderstehlichkeit sich blind auf die schöne Alice wirft, löst der Anblick geballter Weiblichkeit beim Ritter einen unaufschiebbaren Drang zur Verdauung aus, an dessen Ergebnis nicht nur zwei bedauernswerte Kneipenangestellte, sondern auch das Publikum den gesamten zweiten Akt hinweg ausgiebig Spaß haben werden. Überhaupt ist von Pfeil ein Virtuose des Skurrilen. Immerzu ist irgendwo auf der Bühne etwas Verrücktes los.

Junge Liebende rauchen stimulierende Pfeifchen, ein Opa im Rollstuhl muss Spott und Neckerei ertragen, meist steht er aber in der Ecke. Frivol, lasziv, krachledern, gespenstisch - von allem was. Und bei all dem Trubel führt der Regisseur aus Bremerhaven die hohe Schule der Komödie vor: Falstaff ist geradezu zum Liebhaben, so menschlich und weise. Stefan Stoll, einziger Gast im vor Spielfreude berstenden Ensemble, singt aber auch umwerfend.

Am Ende gibt sein Falstaff Fersengeld, notgedrungen. Ob er der selbstgefälligen Windsor-Gesellschaft entkommen ist? Die Regie äußert Zweifel. Lauter Jubel.

Im Orchestergraben bollert, brummt und rumst es spektakulär

Grandios: Stefan Stoll in der Titelpartie. Sein Bariton kann heldisch tönen, schmiegsam und warm schmeicheln und sich ins karikierende Falsett wagen. Ihm gegenüber lässt Irina Popova als verführerische Alice die glühendsten Töne hören, sie ist eine der intriganten Weiber, die mit Mélanie Forgeron (als stille Meg), Leila Pfister (als reichlich nuttige Mrs. Quickly) und Eva Bernard (als junge Liebende Nanetta) bestens besetzt sind. Bariton Martin Berner gibt einen formidablen Ford, gleich ob im Scheich-Kostüm oder im Taucheranzug, Louis Kim muss mit Rasta-Locken verführen, sein strahlender Tenor macht den Rest.

Im Graben bollert, brummt und rumst es reichlich spektakulär. Das ist nichts für Feingeister, aber es passt zum derben Witz der Inszenierung. Und das große Fugen-Finale ist ein ganz herrliche, wunderbar musizierte Sause. Daniel Jakobi leitet Sinfonieorchester, Chor und Solisten souverän und letztlich doch differenziert auch durch die Vielzahl vertrackter Ensembles.

„Falstaff” ist noch am 12., 16., 27. Dezember, 7., 9., 16., 30. Januar, 17., 28. Februar, 5., 21. März, 9., 20. April sowie am 13. Mai im Theater Aachen zu sehen.