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Aachen: Schmerzlicher Weg in die tödliche Leere

Aachen : Schmerzlicher Weg in die tödliche Leere

„Die Welt, die er hatte nutzen wollen, hatte einen ungeheuren Riss, er hatte keinen Hass, keine Liebe, keine Hoffnung...”

Wie könnte man den Weg eines Menschen in den Wahnsinn, das Scheitern eines Daseins mit alle seinen Wünschen und Leidenschaften besser beschreiben? Als Soloabend für das Aachener Theater hat der Schauspieler Karl Walter Sprungala nun die Meisterleistung vollbracht, diesen Text (31 Seiten in der Reclam-Ausgabe) rezitierend das schmerzliche Leben einzuhauchen, das er in all seinen Abgründen spiegelt.

Ungewohnte Region

Aufführungsort ist der „Malersaal” im Bereich der Theaterwerkstätten, zu dem die Zuschauer in kleinen Gruppen vom Mörgens aus geführt werden. Der Ortswechsel wirkt. Man fühlt sich in einer ungewohnten Region, umgeben vom Holz- und Farbgeruch der Arbeit, aber auch von diversen Gemäldestudien, Malermaterialien, Stricken und Apparaturen.

Irritation, der Verlust der vertrauten Welt, das Auftauchen von Fragmenten einer ins Wanken geratenen Existenz bestimmen die seelische Befindlichkeit von „Lenz”: Georg Büchners Erzählung, vermutlich 1839, zwei Jahre nach seinem Tod, in der erschienen, hat einen realen Hintergrund. Der Pfarrer und Pädagoge Johann Friedrich Oberlin erzählt vom Aufenthalt des Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz in Waldersbach, das bei Büchner zu „Waldbach” wird.

Sprungala gelingt eine bedrängend nahe, in ihrer ruhigen Eindringlichkeit äußerst bewegende Umsetzung des umfangreichen Textes. Er spricht, geht auf und ab, umrundet eine gelblich getönte Fläche, die er nie betritt. Intensiv erschließt sich die komplizierte Struktur des Büchner-Textes und darin die psychotische Erkrankung des Dichters.

Die Naturbeschreibung wird Spiegel seelischer Qualen. Sprungala - ganz in Schwarz mit schweren Schuhen - setzt psychologisch äußerst stimmige Körper und Sprache ein Das stille Staunen des wandernden Lenz, der von den glühenden Bildern einer machtvollen Natur zunächst ergriffen und schließlich schmerzlich bedrängt wird. Das angstvolle Suchen nach Halt in der gütigen Zuwendung des Pfarrers und seiner Familie. Der Blick wandert unruhig in die Ferne, haftet am Boden, richtet sich schließlich nur noch auf die unbeschreibliche Pein.

Da liegt im Ringen der Hände, im Aufleuchten und Verlöschen des Blicks, im Griff an die Brust, im Beugen des schmalen Nackens, der Verkrampfung der Schulter und dem Streichen über den Kopf alles, was die Tragik dieses Menschen ausmacht. Nicht nur die ihn umgebende Welt, auch christliche und ästhetische Werte entwickeln sich zu Gedankengebilden, die ihn würgen, schütteln und schließlich jene tödliche Leere hervorrufen, die ihn vom Leben trennt.

Das Publikum verharrt zunächst in atemloser Stille. Dann gibt es kräftigen, verdienten Applaus für eine reife Darstellerleistung.

Georg Büchner: „Lenz”, Mörgens (Malersaal) des Theaters Aachen, Mörgensstaße 24, Samstag, 31. Januar, 20 Uhr.

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