1. Kultur

Schmerz macht Menschen schutzlos

Schmerz macht Menschen schutzlos

Aachen (an-o) - In seiner Rede auf dem Deutschen Schmerzkongress in Aachen betonte Bundespräsident Rau am Donnerstag die Notwendigkeit einer verbesserten Schmerzmedizin in Deutschland. Vor allem forderte Rau erneut, die schmerzlindernde Betreuung Todkranker auszubauen und wandte sich klar gegen aktive Sterbehilfe.

Auch diese Rede des amtierenden Bundespräsidenten zeichnet sich zunächst durch ihre Einfühlung in ein viele Menschen sprichwörtlich am eigenen Leib erfahrenes Thema aus. Gleichzeitig nutzte der in dieser Hinsicht oft unterschätzte Johannes Rau die Gelegenheit, einen klaren (gesellschafts-)politischen Willen auch gegen den Zeitgeist zu dokumentieren.

"Schmerzen können eine zerstörerische Macht gewinnen. Sie können Menschen die Freude am Leben nehmen, ihnen alle Zuversicht und Hoffnung rauben, ihnen den Umgang mit anderen unerträglich machen."

Ambulante Hilfe ausbauen

Dies dürfte vielen der "fünf bis acht Millionen" chronischer Schmerzpatienten ebenso aus der Seele gesprochen sein wie dieser verständnisvolle Satz: "Schmerzen setzen den Menschen den Anforderungen der Außenwelt schutzloser aus. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass es uns so schwer fällt, Schmerz zu beschreiben. Schmerz ist in seiner äußersten Form eine Verhinderung aller anderen Wahrnehmungen, eine Behinderung von bewusstem Leben."

Wirkungsvolle Hilfe gegen unerträgliche Schmerzen hilft kranken Menschen in Würde zu leben und zu sterben.

Johannes Rau, Bundespräsident

Die Forderung, diesen Schmerzen mit allen heute zur Verfügung stehenden Mitteln zu begegnen und den Leidenden wieder "ein Leben in Würde" zu ermöglichen, unterstreicht Rau sogleich mit der Beschreibung des diesbezüglichen Mangels im Gesundheitssystem: "Bevor Patienten mit chronischen Schmerzen den Weg in eine spezialisierte Schmerzpraxis finden, vergehen oft viele Jahre, in denen sie häufig erfolglos behandelt werden. Wir brauchen mehr Ärzte mit speziellen Kenntnissen in der Schmerzbehandlung, und das vor allem im ambulanten Bereich." Daher sei es gut, dass künftig Kenntnisse in Schmerztherapie sBedingung für die ärztliche Approbation seien.

Während Rau bis dahin das unmittelbare Anliegen der in Aachen tagenden Mediziner aufgriff - die Bedeutung und Akzeptanz der Schmerzmedizin in Deutschland generell zu heben - widmete der Bundespräsident den längeren und auch pointierteren Teil seiner Rede einem offenbar auch persönlichen Anliegen. Sich auf seine "Berliner Rede" vom Mai vergangenen Jahres beziehend, betonte das 71 Jahre alte Staatsoberhaupt, dass "wir dringend eine bessere palliativmedizinische Versorgung für sterbende Menschen brauchen statt über die Legalisierung ärztlicher Sterbehilfe zu debattieren". Nachdrücklich wünscht sich Rau"dass wir in Deutschland nicht den Weg gehen, der mit dem Wort Sterbehilfe umschrieben wird. Ich halte dass für einen Weg, der in die Irre führt".

Medikamente reichen nicht

Stattdessen müsse die Palliativmedizin (die schmerzlindernde Versorgung Todkranker) "in allen Bereichen gestärkt werden". Es müsse noch mehr als die bislang gut hundert Hospize und tausend ambulante Hospizdienste geben. Es reiche nicht, Schmerzen mit Medikamenten zu behandeln "auch die psychischen, die sozialen und die geistigen Bedürfnisse von Kranken und Angehörigen müssen einbezogen werden", erwartet Rau.