Aachen: Schlagerrevue „Alles für Euch“: Schlüpfer fliegen auf die Bühne

Aachen: Schlagerrevue „Alles für Euch“: Schlüpfer fliegen auf die Bühne

Was für ein Mann, dieser Ralle Keuchel! Erfolg ist sein zweiter Vorname, die Bühne sein zweites Wohnzimmer. Er ist der „leuchtende Stern unserer Zeit“, „die Sehnsucht in Person“, „das Lachssteak mit der Spargelcremestimme“.

An Superlativen, Schmalz und Schnulzen wird in Marc Beckers Autohausschlager „Alles für Euch“ nicht gespart. Der „Sprachchor mit Musik“ hat jetzt auf der Kammerspielbühne des Aachener Theaters Uraufführung gefeiert.

Im Mittelpunkt steht der abgehalfterte Schlagerstar Ralle Keuchel. Nachdem er sich in den letzten Monaten „etwas aus dem Lebenszirkus zurückgezogen“ hat, ist er nun wieder da — bei der großen Eröffnung vom „Autohaus Klaus“.

Parallelen rein zufällig?

Keuchel weiß seinen B-Promi-Status schönzureden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen rein zufällig? Wohl kaum. Der Zuschauer erkennt bestimmt die eine oder andere Parallele.

Die Darsteller Bettina Scheuritzel, Benedikt Voellmy, Karsten Meyer und Philipp Manuel Rothkopf — alle geschniegelt im weißen Dinner-Jackett mit schmieriger Pomadenfrisur — spielen Ralle Keuchel, den Autohaus-Klaus und dessen Frau Linda in Personalunion. Mal sprechen und singen sie die Rollen synchron im Chor, mal im Wechsel.

Der Schlagerstar und das Autohaus-Ehepaar werden somit zu austauschbaren Personen, ihre Sätze sind nicht mehr als inhaltsleere Floskeln. Letztlich geht es nur um eines: den Konsum. Für den Schlager, das Autos und das Girlie, das auf der Motorhaube lümmelt, gilt dabei dasselbe: Sie alle sollen das Leben „ein bisschen schöner machen“, dem Menschen einen Ersatz für die eigenen unbefriedigten Wünsche und Begierden bieten, die innere Leere füllen. „Das ist alles nur für Euch!“, heißt es dazu passend im ersten Song.

Das Schauspieler-Quartett läuft beim „Hoppsassa Trallala“ zur Höchstform auf: Rothkopf zappelt mit vollem Körpereinsatz ab wie Helge Schneider, Meyer kokettiert als Deutschlands bekanntestes Autogirlie Beate („Ich bin ein Fleischauto. Lange Beine sind auch Räder.“), Voellmy zieht mit einem Gitarrensolo durch die Reihen, und Scheuritzel heult Rotz und Wasser vor lauter Rührung.

„Meine Süße, Deine Füße“

Dabei jagt ein Ohrwurm mit Kalauer-Reimen den nächsten: von der flotten Tanznummer „Bäckerei der Liebe“ über das schlagerkritische Gitarrenstück „Klischee tut nicht weh“ bis hin zu Keuchels angeblich größtem Hit, „Meine Süße, Deine Füße“ (alles selbstkomponiert von Theatermusiker Malcolm Kemp).

Auch die Zuschauer sind bei so viel Ironie und Übertreibung nicht mehr zu halten: Es wird laut gelacht und geklatscht, Stofftiere und Damenschlüpfer (vorher vom Ensemble bereitgelegt) fliegen auf die Bühne. Und zum Dank gibt es phallusartig geformte Luftballon-Figuren („Hier, ein schönes Hündchen!“) vom Autohaus-Klaus, und der Schlagerstar verteilt rote Rosen und warme Hände.

Nach rund zwei Stunden Feierei, einigen Gastauftritten, Interviews und Drinks später ist — um in der Auto-Metaphorik zu bleiben — der „Lack ab“: Der „Heiler der Herzen“ entpuppt sich als koksender, Burnout-gefährdeter Weiberheld, und der Autohaus-Chef wird nach dem x-ten Glas Champagner größenwahnsinnig. Frenetischer Applaus vom Premierenpublikum für die originelle Schlagerrevue und ihre gesellschaftskritischen Zwischentöne.

Weitere Termine: 27. und 29. Mai, 2., 3., 6., 10., 13., 16., 19. und 27. Juni, 29. Januar 2016. Karten gibt es beim Kundenservice des Medienhauses Zeitungsverlag Aachen.

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