Aachen: Schaurig-schönes Meisterkonzert mit Franzosen und Tschaikowsky

Aachen: Schaurig-schönes Meisterkonzert mit Franzosen und Tschaikowsky

Im sechsten Meisterkonzert musste das Orchestre National de Lorraine einen Kampf aufnehmen mit einem fußballerischen Großereignis. Es stand zwar nicht auf ähnlich verlorenem Posten wie die Alemannia auf dem Tivoli, aber es blieben auffallend viele Plätze im Aachener Eurogress leer.

Dabei war die Programmidee des ersten Konzertteiles mit drei französischen symphonischen Dichtungen balladenhaften Inhalts durchaus originell. Und das in Metz beheimatete Orchester bewies unter seinem Chefdirigenten Jacques Mercier in César Francks Le chasseur maudit, Camille Saint-Saens´ Danse macabre und Paul Dukas´ L´aspprenti sorcier eine gediegene Spielkultur, die dem speziellen Idiom der einzelnen Werke sehr zustatten kam.

Mercier arbeitete mit seinem Klangkörper die Orchestersprache der französischen Spätromantik mit ihren bisweilen schaurigen Klangeffekten, aber auch ihrer ganz speziellen Eleganz wirkungsvoll heraus. Ihren Höhepunkt fand dieser Aspekt in Dukas´ kompositorischem Geniestreich mit der Umsetzung von Goethes Zauberlehrling.

Nach der Pause kam es dann mit der Bebilderung von Peter Tschaikowskys fünfter Sinfonie zu einer Art synästhetischen Gesamterlebnisses. Tobias Melle stellte eine bildliche Korrespondenz zwischen Tschaikowskys Musik und wunderschönen Fotos aus Russland her, die im verdunkelten Raum auf eine Großleinwand projiziert wurden. Fotos, die das Russland von heute mit seiner Umweltzerstörung, seinen glänzenden Zarenresidenzen, seinen weiten Landschaften und seinen Menschen zeigen.

Eine Bildsprache, der man sich gerne mehr gewidmet hätte, wenn sie nicht in Konkurrenz zu Tschaikowskys Musik gestanden hätte, die in der Interpretation durch Jacques Mercier gar nicht assoziativ und vordergründig emotional war, sondern durch ihre Tempostrenge eher die symphonischen Strukturen betonte. Diese strenge Sichtweise, die den beiden ersten Sätzen der Sinfonie sehr zugute kam und das Andante vor jeglicher Sentimentalität bewahrte, wirkte in dem wenig eleganten Walzer und dem klanglich sehr zurückgenommenen Finale geradezu akademisch.

Dennoch viel Beifall für diese „Sinfonie in Bildern”, den neben Orchester und Dirigent auch der Fotograf Tobias Melle selbst entgegennehmen konnte.

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