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Eperheide: Schafschur - und alle dürfen zusehen

Eperheide : Schafschur - und alle dürfen zusehen

Verwirrung ist ein wesentlicher Teil der Strategie. "Ehe das Schaf gemerkt hat, was los ist, ist es auch schon vorbei", grinst Schafzüchter Ger Lardinois vom Schafstall "Mergelland" in Eperheide. Im Pferch bekommt Rodney Joppich von einem Helfer das nächste Schaf "schnittfertig" auf die Hinterläufe gesetzt. Dann wirft der Australier den Rasierapparat an

Der Schafstall "Mergelland" an der gleichnamigen Route, knapp zehn Kilometer hinter Vaals, ist an diesem Wochenende wieder mal Austragungsort eines Vorganges, der im Laufe der Jahre Happening-Charakter bekommen hat: Rodney Joppich, Australier mit Frau und Wohnsitz in der Schweiz, ist am Freitag angereist, um im Schafstall für Platz zu sorgen.

Denn nächste Woche kommen die ersten Lämmer, und schon jetzt stehen sich die Schafe gegenseitig auf den Hufen. "Runter mit der Wolle" lautet daher wie jedes Jahr im Januar das Motto, und wo früher ein Wollschaf stand, passen danach zwei nackte hin.

Am Freitag war - noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit -der "Nachwuchs" dran. Die putzigen Lämmchen vom vergangenen Jahr haben inzwischen eine veritable Größe erreicht, haben felißig Pullover-Rohmasse produziert und müssen nun bei Rodney unters Messer. Eine abenteuerliche Vorrichtung, in der der Schafscherer mehr hängt als steht, hilft ihm bei diesem Knochenjob.

Samstag und Sonntag wird’s dann richtig hart. 70 Kilo wiegt so ein ausgewachsenes Schaf, und die meisten finden das nicht besonders lustig, sich schwungvoll auf den Popo setzen zu lassen, die Vorderläufe in die Luft gereckt, und sich dann mit einer seltsamen Maschine am Bauch kitzeln zu lassen, wobei es auch noch immer kälter wird. "Man muss das schnell machen", sagt Rodney Joppich, "für die Tiere ist das Stress."

Aber wenn’s ums Tempo geht, ist der Junge wirklich unschlagbar. Bis zu 40.000 Schafe schert er im Jahr, 750 alleine an diesem Wochenende. Pro Schaf braucht er rund zweieinhalb Minuten. Wenn er richtig Gas gibt, auch weniger. Der Rekord liegt irgendwo bei 40 Sekunden. "Früher habe ich das mit der Schere gemacht", erinnert sich Ger Lardinois und verdreht die Augen. Da brauchte er für ein Schaf 20 bis 30 Minuten.

Tradition haben im Schafstall Mergelland die offenen Türen. "Bei uns kann jeder gucken kommen", lädt der Hausherr ein. "Hier passiert nichts, was andere nicht sehen dürfen."

Und so werden dann voraussichtlich auch an diesem Wochenende rund um sein Gehöft am Ortsausgang von Eperheide wieder die Parkplätze knapp. (Anfahrt: Durch Vaals hindurch, am zweiten Kreisverkehr der Beschilderung Gemmenich folgen, dann nach knapp einem Kilometer rechts runter Richtung "Epen/Vijlen". In Epen am "Hotel de Kroon" links den Berg hoch, durch Eperheide und am Ortsausgang auf die Hinweisschilder zum "Schaapskooi Mergelland" achten. Der Hof liegt auf der linken Seite.)

Im großen Stall der Schafzucht herrscht ein herrliches Gewimmel aus beige, braunen und schwarzen Wollknäueln. Ist das nicht ein bisschen herzlos, denen ausgerechnet im Winter den Pullover wegzunehmen? Ger Lardinois erklärt, warum: "Wir bekommen dadurch mehr Platz im Stall, können die Geburt der Lämmer besser verfolgen, und die Kleinen kommen hinterher auch leichter zum Trinken an die Zitzen."

Während die vierbeinige Mutter-und-Kind-Gruppe mit Kraftfutter und Heu (Kosten pro Tag 500 Euro) bei Laune gehalten wird, müssen sich die Väter weiter auf der Weide durchschlagen.

Mutter und Lamm bleiben nach der Geburt noch rund 14 Tage im Stall, werden behutsam wieder in die Herde integriert und dann auf die Weide geschickt - oder in eines der zahlreichen Feinschmecker-Restaurants in der Umgebung. Viele von denen haben zu Ostern Lamm auf der Karte ...