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Köln-Porz: „Schadenfreude muss immer sympathisch bleiben“

Köln-Porz : „Schadenfreude muss immer sympathisch bleiben“

Pünktlich auf die Minute klingelt wie vereinbart das Telefon. Am anderen Ende ein hörbar gut gelaunter Guido Cantz. Oft genug hat er seine Bühnenauftritte mit dieser Frage begonnen, also zitieren wir ihn jetzt erst mal selber: „Wie isset?“

Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Joot — janz einfach. Nun bin ich aber auch jemand, der schon morgens beim Aufstehen gute Laune hat, und wenn ich jetzt hier in Köln-Porz aus dem Fenster sehe, die Sonne scheint: Kann nicht besser sein.“ Der Anruf hat einen Anlass: Am Samstag wird der große Blonde die letzte Ausgabe von „Verstehen Sie Spaß?“ in diesem Jahr moderieren. Danach gibt es einige Veränderungen, über die wir ebenso sprechen wollen wie über das Ende von „Wetten, dass ...“ und die Frage, wann er denn endlich mal Opfer seiner eigenen Sendung wird. Also dann ...

Wenn man in diesen Tagen über große Samstagabend-Unterhaltung spricht, kommt man an „Wetten, dass ...“ nicht vorbei. Schmerzt Sie so ein Abschied, auch wenn es der Konkurrenz-Kanal ist?

Cantz: Na, ganz klar. „Wetten, dass ...“ ist eine Sendung, mit der ich als Kind groß geworden bin. „Verstehen Sie Spaß?“ und „Wetten, dass ...“ sind über viele Jahre die beiden Samstagabend-Klassiker gewesen. Wenn so eine Ära zu Ende geht, dann ist das doch auf jeden Fall sehr schade.

Wenn „Wetten, dass ...“ im Dezember diesen unwürdigen Abschied auf Raten hinter sich hat, sind Sie der Hüter der letzten großen Samstagabend-Show aus alten TV-Zeiten. Ist das Lust oder Last?

Cantz: Für mich und mein Team ist das auf jeden Fall Lust, weil wir sehr zufrieden sind mit dem, was wir da abliefern. Es ist doch gut, dass es noch Sendungen gibt, die wirklich von der ganzen Familie geguckt werden. Ich erlebe das oft auf Flughäfen, wo mich Väter ansprechen: „Können wir mal ein Selfie machen? Meine Kinder sind ganz große Fans Ihrer Sendung.“ Wir haben ja eh großartige Zahlen, vor allem bei jungen Leuten zwischen zehn und 15, und das ist der Ansporn von so einer Sendung: Es soll eine Familiensendung bleiben, und wenn wir das schaffen, finde ich das klasse.

Sie haben also keine Angst, dass Sie irgendwann der Letzte sind, der das Licht ausmacht?

Cantz: Das kann man so nicht sagen. So weit würde ich mich auch gar nicht aus dem Fenster lehnen zu sagen: Ich kann beurteilen, wie lange solche Sendungen noch laufen. Im Moment sind wir sehr erfolgreich, wir haben gerade den deutschen Comedy-Preis bekommen — die erste Auszeichnung in der Geschichte von „Verstehen Sie Spaß?“ In 34 Jahren haben wir noch nie einen Preis bekommen, das ist unglaublich. Wir haben gute Quoten, wir sind zufrieden, aber ich bin kein Hellseher. Ich würde das gerne noch fünf oder zehn Jahre machen und hoffe, dass die Leute solange noch Spaß an mir und der Sendung haben.

Die HörZu hat 1995 beim Abschied von Harald Schmidt über „Verstehen Sie Spaß?“ geschrieben „Die Luft ist raus“. Knapp 20 Jahre später läuft die Sendung immer noch.

Cantz: Ich glaube, dass Harald Schmidt zu sehr seine Sendung daraus gemacht hat. Ich habe immer gesagt: Wichtig sind die Filme mit der versteckten Kamera, denn das macht die Sendung aus. Ich bin gerne Gastgeber dieser Sendung und lade mir gerne tolle Leute ein, die dann auch den ganzen Abend bleiben, aber die Streiche sind das Wichtigste.

Wenn man beide Sendungen vergleicht: Könnte es auch sein, dass Schadenfreude mehr zieht als persönliche Höchstleistungen?

Cantz: Das weiß ich nicht. Ich glaube, Schadenfreude mögen die Leute immer, aber es muss immer sympathisch bleiben, es darf nicht zynisch sein. Und das honorieren die Leute auch. Bei uns wird gelacht, bei uns wird auch über andere Leute gelacht, aber eine gewisse Grenze überschreiten wir nie, und das wissen die Zuschauer auch.

Ganz ehrlich: Hat es schon mal richtig Ärger gegeben? Oder sagen Ihre „Opfer“: „Egal wie peinlich, Hauptsache im Fernsehen.“?

Cantz: So peinlich wird es ja in der Regel nicht. Zu richtigem Ärger lassen wir es erst gar nicht kommen. Wenn derjenige, der vor der Kamera gestanden hat, sagt: „Ich möchte nicht, dass das gezeigt wird!“, dann wird es auch nicht gezeigt.

Wie oft kommt das vor?

Cantz: Bei Promis ganz, ganz selten, in meiner Zeit überhaupt noch nicht. Wir hatten mal einen lustigen Fall, wir haben einen Film gedreht auf einem Parkplatz an einer Landstraße, und da kamen zwei Leute in einem Auto an, die beide verheiratet waren, aber nicht miteinander und natürlich nicht ins Fernsehen wollten, weil sie eigentlich ganz woanders hätten sein müssen. Und dann zeigen wir die natürlich auch nicht. Ich glaube auch, dass wir ein ganz gutes Händchen dafür haben, wie weit man gehen kann.

Wie schafft man es, 34 Jahre lang eine Fernsehshow zu machen, die permanent gegen das Strafgesetzbuch verstößt? Fremde Menschen einfach ungefragt aufnehmen, da sagt Paragraf 201: Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren.

Cantz: Deswegen müssen die Leute zustimmen, dass wir das zeigen dürfen und auch das präsentieren, was sie gesprochen haben. Das ist im übrigen das Schwierigste bei diesem Genre: Man kann mit Teleobjektiven weit entfernte Leute filmen, das Problem ist der Ton. Man muss nah ran, das ist die Crux.

Reden wir über den kommenden Samstag: Wen erwischt es?

Cantz: Mich.

Ist nicht wahr!!??

Cantz: Doch. Ich habe immer gedacht, ich komme daran vorbei, habe auch echt gut aufgepasst, aber ich war Mitte Oktober in Berlin zu Gast in der Sendung „Willkommen bei Mario Barth“ ...

... den Sie im vorigen Jahr kräftigst reingelegt haben ...

Cantz: ... die Verlade von Mario hat inzwischen bei YouTube 1,5 Millionen Klicks. Bei mir war es so, dass Mario auch noch Fernsehkoch Steffen Henssler zu Gast hatte, und ich sollte da ein Spiel moderieren. Und dann haben wir bei der Probe richtig Ärger bekommen, Steffen Henssler hat mich „Blondi“, „Karnevalsheini“ und „Comedy-Vogel“ genannt, es wurde sehr laut, und dann war die Probe zu Ende, weil beide fluchtartig das Studio verlassen haben. Danach waren vier Stunden Zeit bis zur Sendung, und da habe ich wirklich gebraten und gedacht: „Mein Gott, was wird das heute Abend!“ Und in der Sendung haben sie mir dann gesagt: „Herzlich willkommen! Bei Dir eine Kamera zu verstecken ist sehr schwierig, also haben wir es gleich vor laufenden Kameras in der Probe gemacht.“ Und dann kam auch noch mein Team um die Ecke.

Wurde im Grunde ja auch Zeit.

Cantz: Ich hab mich auch gefreut. Es war in einem Studio, es war geheizt, es hätte schlimmer kommen können. Im Winter im Schnee in einem Waldstück, wo der Motor ausfällt — dann war mir das so doch deutlich lieber.

Der 8. November (die Sendung vom Samstag wurde vorige Woche in Offenbach aufgezeichnet) markierte für „Verstehen Sie Spaß?“ das Ende des „Wanderzirkus“. In den nächsten zwei Jahren soll die Show in den Bavaria-Studios in München aufgezeichnet werden. Warum?

Cantz: Wir werden da eine feste Halle haben, wo alles von uns drinhängt, Licht, Kameras, Technik. Dadurch sparen wir eine Menge Kosten, weil wir nicht mehr rumfahren und unsere Lkw an verschiedene Orte bringen müssen.

Die Sesshaftigkeit soll dem SWR 1,6 Millionen Euro im Jahr bringen?

Cantz: Das habe ich auch gehört, aber ich kann es Ihnen nicht bestätigen. Aber das ist ja sicher auch im Sinne des Gebührenzahlers. Ich finde es persönlich sehr schade, weil ich es immer sehr nett fand, zu den Leuten nach Hause zu kommen und auch mal nach Trier zu fahren oder nach Karlsruhe, Offenburg oder Freiburg. Aber das ändert an der Sendung nichts, das ändert für die Zuschauer nichts, und wenn ich dann rauskomme und vor der Kamera stehe, ändert sich für mich auch nichts.

Das sagen Sie: Im Vergleich mit Köln-Porz gilt München ja nicht unbedingt als das Epizentrum von Jux und Tollerei in Deutschland.

Cantz: Ich glaube, die Leute verstehen überall Humor, und das wird jetzt München sein. In Bayern wird auch gelacht, da mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Vor allem waren wir noch nie in München, und da gibt es sicher viele Leute, die sich die Sendung gerne einmal live ansehen werden. Natürlich war das emotional und auch traurig am Samstag, aber jetzt muss man nach vorne schauen, und es kommt etwas Neues.

Die Fernsehzuschauer können auch selber Ideen zur Sendung beisteuern. Wie rege wird von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht?

Cantz: Sehr rege. Wir haben unheimlich viele Zuschauer, die uns lustige Fotos schicken, die wir dann zeigen, wir haben viele, die sagen, wir haben jemanden bei uns in der Familie oder im Freundeskreis, der mal einen Denkzettel bräuchte, könnt Ihr den mal reinlegen? Mich wundert immer, wie viele Leute uns schreiben, und das ist auch toll, weil das die Zuschauer mit uns verbindet. Da sind viele Ideen bei, die wir auch umsetzen und gut gebrauchen können.

Ihr Kollege Dieter Nuhr hat gerade eine Menge Ärger hinter sich, weil sich ein Moslem durch seinen Humor beleidigt fühlte und ihn angezeigt hat. Sind in einer multikulturellen Gesellschaft die Grenzen des Humors schneller erreicht?

Cantz: Humor ist Geschmackssache, und da zieht jeder andere Grenzen. Ich bin katholisch, und obwohl ich in die Kirche gehe und auch gläubig bin, mache ich Witze über die katholische Kirche. Das schließt sich für mich nicht aus. Das ist auch ein Teil der Meinungsfreiheit in einer Demokratie. Ich will auch nicht sagen, dass ich mit meinem Humor immer richtig liege. Es wird immer jemanden geben, der sagt: „Das finde ich aber gar nicht witzig!“ Wobei ich diese Diskussion schon ein bisschen schwierig finde. Ich muss auch ertragen können, dass über mich Witze gemacht werden, und andere sollten da auch entspannt und locker bleiben. Und ich finde, dass man über den Islam oder über Moslems genauso Witze machen darf wie über Katholiken, Protestanten oder Juden.

Wir nähern uns der Zeit der Wunschzettel. Haben Sie auch einen für „Verstehen Sie Spaß?“ Wen würden Sie mal gerne veräppeln?

Cantz: Oh, da gibt es noch viele. Ich würde natürlich ganz aktuell gerne Claus Weselsky reinlegen, den GDL-Chef. Dieter Bohlen fände ich interessant. Ich würde auch gerne Fifa-Chef Sepp Blatter mal reinlegen. Das wird sicher nicht einfacher, je höher diese Leute politisch oder gesellschaftlich einzuordnen sind, aber da gibt es noch eine ganze Reihe, die ich gerne mal auf meinem Sofa hätte.

Man kann natürlich ein Gespräch mit Ihnen nicht beenden, ohne über Karneval geredet zu haben.

Cantz: Nein, um Gottes Willen!

Macht das Leben als Karnevalist noch Spaß, wo ganze Reden — kaum hat man sie öffentlich gehalten — schon bei YouTube zu sehen sind, weil im Publikum die Smartphones mitgelaufen sind?

Cantz: Heute ist ja alles bei YouTube. Es wird alles gefilmt und ins Netz gestellt. Das wird für uns natürlich nicht einfacher. Auf der anderen Seite: Wenn man ein Soloprogramm spielt, und das ist irgendwann mal im Fernsehen gewesen, dann kommen die Leute trotzdem noch. Das ist eben heutzutage so: Die Halbwertszeit von Pointen ist deutlich geringer geworden durch das Internet. Trotzdem glaube ich, dass das Live-Erlebnis ein anderes und auch nicht vergleichbar ist. Das erlebe ich oft, wenn Leute bei uns bei „Verstehen Sie Spaß?“ im Publikum sitzen und dann sagen: „Das ist ja doch etwas anderes als im Fernsehen.“ Und gerade Karneval guckt man sich besser live an als bei YouTube.

Letzte Frage, die die Aachener ganz besonders interessiert: Wird man Sie im nächsten Jahr bei der AKV-Ordensverleihung wiedersehen?

Cantz: Bei „Wider den tierischen Ernst“? Nein. Ich glaube, ich bin erst 2016 wieder dabei. Ich pausiere gerne ein Jahr. Es ist auch immer ein bisschen hektisch an dem Abend, weil ich vorher Auftritte habe, dann schnell nach Aachen husche, meinen Auftritt dort mache, und danach wieder mit einer anderen Rede — die für Aachen schreibe ich immer extra — weitere Auftritte habe. Ich muss aber sagen: Das ist eine Karnevalsveranstaltung die mir richtig, richtig viel Spaß macht, mit einem tollen Publikum. Aachen war aber schon immer ein gutes Pflaster für Redner, besonders für mich, weil ich meinen ersten großen Auftritt 1991 bei Hubert Geulen im Saaltheater in Eilendorf hatte und immer das Gefühl habe, dass die Öcher gerne zuhören und sich auch freuen, wenn ein guter Redner kommt. Das wird heutzutage immer seltener, und deswegen weiß man das besonders zu schätzen.