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Scapino Ballett in der Aachener Fabrik Stahlbau Strang

Schrittmacher-Festival : Klang, Bewegung und Magisches liefert das Scapino Ballett

Ein meditativer Abend bei Schrittmacher in der Aachener Fabrik Stahlbau Strang. Mit dem niederländischen Scapino Ballet Rotterdam kommen Gäste auf die Bühne, die man bereits zu den Freunden des Tanzfestivals zählen darf, wie Veranstaltungsleiter Rick Takvorian gerührt betont.

Scapino – das ist pure Bewegung, klare Bühne, mutige Gestaltung. Im weißen Licht vor weißem Hintergrund gibt es nur das Klavier, sonst nichts. Im weißen Anzug nimmt dort Michiel Borstlap, einer der bekanntesten Pianisten der Niederlande, seinen Platz ein, den er 70 Minuten lang nicht verlassen wird. Seine Musik und die Choreographie von Ed Wubbe führen Klang, Bewegung und die magischen Geschichten, die sich dabei entwickeln, auf faszinierende Weise zusammen.

Das Stück „Pas de Deux“ ist eine eigenartige Verknüpfung zweier Welten. Die eleganten Harmonien des zeitweise dahinplätschernden Klavierstückes verlocken Tänzerinnen und Tänzer zu intensiven Aktionen. Der Pianist beobachtet die Compagnie, gibt manchmal mehr Druck, nimmt Tempo heraus. Die Akteure spüren dem nach, körperlich, vielfach wie unter Hypnose, eng beieinander und doch weit voneinander entfernt. Wenn sie alle zu Anfang ihre Schuhe ausziehen und in Strümpfen tanzen, hat man den Eindruck, sie stellen paarweise die Noten auf den Bühnenboden.

Und mit den Paaren ist das so eine Sache. Choreograph Ed Wubbe sorgt bei großer Nähe für ängstliche Ferne. Auch Michiel Borstlabs Komposition weckt Assoziationen einsamer Nächte. Wieder und wieder gibt es Versuche, im „Pas de Deux“ traditionelle Zweisamkeit und Hingabe zu erreichen, aber stets ist da zum Schluss ängstliche Scheu, ein Zucken, Ausweichen und schließlich die Flucht. Selbst im flotteren Teil der Komposition ändert sich nichts.

Tänzerinnen und Tänzer verfügen über zarte Kraft, eine Harmonie der fließenden Körper, von Elementen aus Klassik, Hiphop und Modern Dance geprägt. Sie beherrschen Slow Motion und akrobatischen Finessen. Jozefien Debaillie bleibt dabei als Solotänzerin mit rotblondem Haar eine stille starke Außenseiterin, umschwärmt, nie erobert.

Der Zuschauer ist gefordert beim Scapino Ballet, wo man sich auf Musik und Bewegung einlassen muss, um die Feinheiten zu entdecken, die steten Wiederholungen zu verstehen, das immer wieder praktizierte Drehen und Drücken der Nacken und Köpfe, wenn Mann oder Frau einander zu nah kommen, die Bewegungen der Hände, die nicht gerade sanften Spielarten von Unterwerfung, Flucht, Balzen, Ringen und Versagung. Das ist subtil und anspruchsvoll, vermittelt große und bleibende Unsicherheit im Gefühl.

Das Schrittmacher-Publikum versteht und bedankt sich mit donnerndem Applaus. Der Choreograph kommt auf die Bühne. Die Schuhe bleiben stehen.