Aachen: Salome schillert so aufregend wie lange nicht

Aachen: Salome schillert so aufregend wie lange nicht

Mit silberner Kühle blickt der Mond auf die Terrasse des Hauses Herodes. Besuch ist da: ein paar Geschäftsleute, ein Militär, zwei Soldaten. „Schreckliches wird geschehen”, kündet eine Frau, die wahrnimmt, dass Salome, die Tochter des Hauses, vor Lebensgier zu bersten droht und die Blicke der Männer magisch und höchst unkeusch auf sich zieht.

Aus dem Dunkel warnt mit überirdischer Stimme der Prophet vor der Verderbtheit der Welt. So dürfte der Beginn von Richard Strauss´ Oper „Salome” in nahezu jeder Inszenierung wahrheitsgemäß beschrieben sein. In Aachen zeigt Regisseurin Reinhild Hoffmann mehr. Und das geht so:

Herodes ist ein hyperaktiver, alter Snob an der Grenze zur Witzfigur. Grasgrün sein Anzug, strahlend blau die Weste, strohblondiert die wirre Lockenpracht, in der sich ein Röslein schlängelt. Im Nacken des Hausherrn wacht die dralle Krankenschwester mit weißem Häubchen, die ihm ein quietschlila Sitzplumeau nachträgt.

Herodias, seine Frau, stöckelt auf knallroten Pumps im kleinen Schwarzen daher, aus dem der ebenfalls rote Pushup hervorquillt. Salome ist ein kecker Rotschopf, mit wenig an und Springerstiefeln. Und dann läuft da noch ein Mann im schwarzen Frack herum, Opernglas in der Hand und Salome-Partitur unterm Arm.

Ja, und der Mond - aus dem blickt ein Auge, in ruckelnden Schwarzweißbildern machen sich männliche Finger am weiblichen Lid zu schaffen. Das wird nicht gutgehen, weiß der Filmfreak, stammen die Mond-Bilder doch aus Bunuel/Dalís surrealem Schocker „Der andalusische Hund”, in dem einer Rasierklinge eine unappetitliche Aufgabe bevorsteht...

Die Regisseurin und ihr famoser Ausstatter Dieter Hacker spannen einen weiten Bedeutungsraum um Strauss´ Oper auf. Das Surreale dieses unglaublich aufregend tönenden Fin-de-Siècle-Werks loten sie so konsequent wie einleuchtend aus.

Sie erfinden um die Handlung herum eine karge Szenerie, die einerseits an eine Zirkusmanege erinnern mag: Wie ein Trapez setzt sich zum Schleiertanz eine Schaukel in Bewegung, auf dem als Totenvogel der spätere Henker des Propheten Jochanaan Salomes Tanzpartner wird.

Andererseits mag der mit Lilien, Tulpen und anderen Blumen bemalte Boden an barocke Gemälde erinnern, auf denen Personen inmitten allegorischer Flora dargestellt sind - eine Reverenz an den symbolistischen Gehalt des von Oscar Wilde bearbeiteten Stoffes. Zum Dritten konterkariert der burlesk-satirische Ton der Kostüme die Tragik des Geschehens, holt es in ein Heute, das von Comic und Comedy geprägt ist.

Das ist große Kunst, auch wenn es weh tut: Jochanaan im funkelnden Mini-Slip; zwei Jesusjünger mit uniformen blonden Mähnen, die einander nachäffen; fünf Juden als Banker-Quintett... All das fügt sich zu einem Salome-Bild, das man lange nicht so schillernd und letztlich plausibel erleben durfte.

Denn es ist eingebettet in eine Regiearbeit, die die Personen zu großer Plastizität führt, zudem außergewöhnlich musikalisch ist. Hoffmann, die ja eine Große des deutschen Tanztheaters war, bevor sie sich aufs Feld der Regie wagte, hat dem Aachener Publikum einen bedeutenden Opernabend geschenkt.

Mit diesem Erfolg hatte niemand gerechnet: Genau 4467 Opernenthusiasten verfolgten die Premiere der „Salome” aus dem Aachener Theater live über das Internet und nutzten damit das Angebot der Plattform myclassicworld.com.

Und es hätten durchaus noch mehr sein können. Der Server stieß bei dem Ansturm an seine Grenzen, erklärte der Aachener Unternehmensberater Jeanot Pelzer-Melzner, der die Plattform ins Leben gerufen hat. Es habe dann extrem lange gedauert, bis sich der Live-Stream aus dem Theater, aufgenommen von vier Kameras, aufgebaut habe.

Angesichts des Erfolgs ist es für Pelzer-Melzner eine Selbstverständlichkeit, dass die Kooperation mit dem Theater weitergehen soll. Seine Techniker überlegen derzeit, wie man die Übertragungen noch optimieren kann.

Übrigens: Die Aufführung ist am Dienstag noch auf der Plattform in Internet kostenlos zu sehen - in verbesserter Qualität, wie Pelzer-Melzner versichert.

Die Salome-Musik liegt bei Marcus R. Bosch und dem Sinfonieorchester Aachen in bemerkenswert guten Händen, selten nur vermisst man silbrigere, differenziertere Klänge.

Neben einer großen Schar von durchweg verlässlichen Ensemblemitgliedern, unter denen Mélanie Forgeron einen sehr respektablen Pagen singt und spielt, begeistert das Ensemble der Gastsolisten.

Anne Lünenbürger entzückt jeden Strauss-Fan im berüchtigt schwierigen Schluss-Monolog, nur ein, zwei hohe Töne entglitten ins Metallische. Zur famosen Singleistung gesellt sie eine ebensolche schauspielerische.

Ähnliches gilt für Hubert Delamboye, der nur am Beginn kurz in die Forcierungs-Falle tappt, anschließend dem Herodes wunderbare Präsenz beigibt.

Bastiaan Everink ist ein stimmlich heldischer Jochanaan, sicher geführt in allen Lagen. In kleineren Partien überzeugen Sanja Anastasia (Herodias) und Louis Kim als Narraboth.

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