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Aachen: Rumänische Musik: Zur Uraufführung werden die bösen Geister vertrieben

Aachen : Rumänische Musik: Zur Uraufführung werden die bösen Geister vertrieben

Der Aachener Chor Carmina Mundi wird seinem Namen gerecht — „Gesänge der Welt“ sind die Leidenschaft von Chorleiter Harald Nickoll. Wenn sich das auch noch mit einer langjährigen Freundschaft verbinden lässt — umso besser.

So steht beim nächsten Konzert des Ensemble am 17. Juni, die Uraufführung des Werkes „Canonul Floriilor“ des Rumänen Mircea Valeriu Diaconescu. Der inzwischen 88-jährige Komponist und Byzantinologe, Gründer des Aachener Ensembles Collegium Byzantinum, das inzwischen Nickoll gleichfalls betreut, ist nicht nur mit der rumänischen Kirchenmusik vertraut: Lange Jahre hat er als Kieferchirurg in Aachen gewirkt. Heute greift er mit Vorliebe historische rumänische Musikformen auf, um sie in seinen Kompositionen weiterzuentwickeln. „Ich öffne ein Fenster zum Westen und bewahre gleichzeitig ein Kulturgut, das viele nicht kennen.“

Das hat Gründe: Während der Ceauescu-Diktatur (1965-1989) war die Pflege kirchlicher Musikliteratur in Rumänien streng verboten. „Stattdessen erklangen Werke von Bach und Händel“, sagt Diaconescu. „Die rumänische Musik wurde allerdings heimlich weiterhin gepflegt.“

„Canonul Floriilor“ ist genau genommen ein byzantinisch-rumänisch-orthodoxer „Palmsonntagskanon“, aufgebaut aus zehn einzelnen Gesängen. Dem Werk liegen Melodien des Mönchs und Gelehrten Filothei sin agi jipei aus dem Jahr 1713 zugrunde, der damals rund 1200 liturgische Gesänge aus dem Griechischen ins Rumänische übertragen hat. Was ursprünglich einstimmig („unisono“) erklang, hat Diaconescu mit vierstimmigen Harmonien und frei komponierten Teilen verbunden. Carmina Mundi wird dabei rumänische Texte singen, die Begebenheiten aus dem Alten Testament mit Christus als Erlöser in Verbindung bringen.

„Eine andere Klangwelt“

„Die orthodoxe Notenschrift ist nicht eindeutig, sie verlangt von den Aufführenden eine eigene Interpretation“, beschreibt Nickoll einen Entwicklungsprozess, den Chorleiter und Ensemble bei der Probenarbeit durchlaufen. Dabei gründen sich diese „erzählenden“ Gesänge, deren Texte vermutlich aus dem 8. Jahrhundert überliefert sind, auf archaische Kirchentraditionen: „In unseren Gottesdiensten durfte man nicht sprechen, alles musste gesungen werden, selbst die Predigt“, erklärt Diaconescu.

Für Gesangsexperten wie Nickoll öffnet sich damit „eine andere Klangwelt“; es gibt Verzierungen, die gesangstechnisch ungewohnt sind. Und zu Beginn des Konzertes gibt es eine klangliche und optische Besonderheit: Einer der Sänger wird mit Hämmern auf ein frei schwingend aufgehängtes hölzernes Brett schlagen, das man in der orthodoxen Kirche häufig anstatt oder neben den Glocken verwendet. Die Schläge beginnen langsam und werden dann immer schneller und lauter. „Auf Rumänisch heißt es ,toac‘, ein uraltes Ritual, mit dem man die bösen Geister verscheucht hat“, erzählt der Byzantinologe. „Beim Aachener Konzert geschieht es in der Kirche, in Rumänien ging man vor oder um die Kirche.“

Die Uraufführung ist eine Herausforderung für Carmina Mundi — 50 Minuten lang taucht der Chor ein in mystische Inhalte, eine ungewohnte Sprache und Musik. Was also erwartet die Zuhörer bei dieser Uraufführung? Nickoll: „Eine Seltenheit, eine meditative Musik mit fremdartigen Verzierungen.“