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Ruhrtriennale: „Nach den letzten Tagen“ von Christoph Marthaler

Bochum : Anstrengender Ruhrtriennale-Auftakt mit Marthaler

Das Festival eröffnet sehr asketisch mit Christoph Marthalers „Nach den letzten Tagen“. Das Klage-Projekt im Audimax der Bochumer Ruhruniversität mischt rechtspopulistischen Gedankenmüll und Musik von verfemten Komponisten der Nazizeit.

Es war die mit Abstand asketischste Eröffnung einer Ruhrtriennale in den 17 Jahren ihres Bestehens. Sechs Musiker, elf Schauspieler in Alltagskleidung, die Hälfte der Sitzreihen des ovalen Audimax der Bochumer Ruhruniversität als Spielfläche: Das ist alles.

Theater mit reduzierten Mitteln muss kein Nachteil sein, wenn man sich auf eine wirksame Vorlage verlassen kann. Daran lässt die Kreation „Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend“ allerdings zweifeln. Das Gemeinschaftsprodukt der Librettistin und Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp, des Regisseurs Christoph Marthaler und des Musikers Uli Fussenegger bietet eine zweieinhalbstündige Melange aus überfrachtetem Redeschwall und musikalischen Beilagen mit aufgesetztem Trauerflor.

Rassismus als Weltkulturerbe?

Dabei klingt das Konzept des Produktionsteams durchaus vielversprechend: Ein imaginäres Parlament in der Mitte des 22. Jahrhunderts gedenkt der Befreiung eines ehemaligen Konzentrationslagers mit der bitteren Absicht, „Rassismus zum Weltkulturerbe“ ernennen zu wollen“. Dabei sondern die elf grandiosen Schauspieler des Marthaler-Ensembles, die sich in den leeren Reihen ihres Spielfelds verlieren, zunächst mehr als anderthalb Stunden lang fiktiven und realitätsgetreuen, überwiegend rechtspopulistischen bis rechtsradikalen Gedankenmüll von Viktor Orbán, österreichischen Politikern und natürlich AfD-Promis ab, wobei die Grenzen zwischen Dichtung und Wahrheit immer wieder verschwimmen.

Es sind üble Texte, die in ihrer simplen Eindeutigkeit so stark dominieren, dass sich relativierende Zitate liberaler Zeugen kaum durchsetzen können. Aber auch die ursprüngliche Intention des Konzepts, mit der vor einer Gewöhnung an Rassismus und Ausgrenzung gewarnt werden soll, verliert an Schärfe und Transparenz.

Es scheint, dass Stefanie Carp, die sich als Intendantin der Ruhrtriennale im vergangenen Jahr aufgrund einer umstrittenen Einladung einer israelkritischen Band völlig haltlos antisemitischen Angriffen ausgesetzt sah, ihre antirassistische Position mit unmissverständlichem Nachdruck zementieren will. Dass dieser lange, ermüdende Teil des pausenlos zelebrierten Abends nicht in allzu platte Plakativität verfällt, ist den wunderbar individuell agierenden Schauspielern der Marthaler-Truppe zu verdanken. Eindrucksvoll, wenn etwa Josef Ostendorf mit samtweicher Stimme die üblen Hetzreden des Wiener Bürgermeisters Karl Lueger aus dem 19. Jahrhundert rezitiert.

Uli Fussenegger unterstreicht dagegen mit seinen Musikbeiträgen eher die vordergründige Struktur der Textcollage, indem er die braune Verbalsoße stilgerecht und klischeebehaftet mit aggressiv aufbereiteten Wagner-Zitaten und sämigem Schlager-Schwulst garniert.

Das ändert sich in den letzten 45 Minuten, wenn die Schauspieler schweigen und Fussenegger mit seinen fünf Musikern originale und mehr oder weniger gelungen arrangierte Werke von Komponisten des KZs Theresienstadt anstimmt. Lieder, Solostücke und Kammermusik in diversen Besetzungen, denen Fussenegger mit Klarinette und Akkordeon einen melancholischen, bisweilen sentimentalen, auf Betroffenheit ausgerichteten Klezmer-Anstrich verleiht.

Gleichwohl gehören die ausgewählten Beispiele von Viktor Ullmann, Pavel Haas und Erwin Schulhoff, aber auch weniger bekannten „Theresienstädtern“ wie Józef Koffler und Szymon Laks, zu den bewegendsten Beiträgen des Abends. Das hätte gereicht. Wenn das Ensemble am Ende zu den Klängen von Mendelssohns Choral „Wer bis an das Ende beharrt“ zu einer Art Todesmarsch aufbricht, fällt die Produktion allerdings in das Betroffenheitspathos des langen Anfangsteils zurück.

Mix aus Vorlesung und Konzert

Eine solche Mischung aus Vorlesung und Konzert schränkt die szenischen Möglichkeiten des Regisseurs natürlich stark ein. Es ist Christoph Marthaler zugutezuhalten, dass er unangemessenen Aktionismus gar nicht erst anstrebt, sondern die Leistungsfähigkeit seiner Schauspieler durch Zurückhaltung und ausgefeilte Detailarbeit herausstellt. Kleine Gesten wirken da nachhaltiger als hektischer Bewegungsdrang.

Gleichwohl fällt es auch einem Profi wie Marthaler nicht leicht, angesichts des überladenen Textes und des langen musikalischen Finales auf Dauer mehr anzubieten, als die Sitzpositionen der Schauspieler in den leeren Rängen der weiten Spielfläche zu ändern.

Ein anstrengender, anregender, durch die Textflut aber auch ermüdender Abend mit reduzierten szenischen Mitteln. Die Beschränkung, würde auch dem Libretto gut anstehen. Die Angst vor der Akzeptanz des Rassismus als gesellschaftsfähige Normalität wird recht deutlich. Möglichkeiten, solchen Tendenzen entgegenzuwirken, aber auch die Gefahren der eigenen Verführbarkeit: Hintergründige Fragen dieser Art bleiben dagegen außen vor. Mit diesem Mangel wirkt der Abend letztlich wie eine resignierte Klage über einen bedenklichen, vermeintlich nicht mehr aufzuhaltenden Prozess. Entsprechend anerkennend, wenn auch etwas ermattet, fiel der Beifall des Premierenpublikums aus.